11. März: Europäischer Gedenktag für die Opfer des Terrorismus

Benjamin Fischer

Der 11. März, der Europäische Gedenktag für die Opfer des Terrorismus, geht auf jenen Tag zurück, an dem 2004 in Madrid Bombenattentate auf Pendlerzüge ausgeführt wurden. Der Gedenktag soll all jene ins Licht rücken, die die tödlichen Folgen von gewalttätigem Extremismus am eigenen Leib erfahren haben – entweder als Überlebende von Terrorangriffen oder als Angehörige der Opfer. So unerlässlich es ist, ihre Stimmen in die Bekämpfung von gewaltbereitem Extremismus einzubeziehen, so wichtig ist es auch, ihr Leid anzuerkennen und den Betroffenen die Gelegenheit zu bieten, ihre Rolle in diesem Diskurs selbst zu bestimmen.

Wer durch gewalttätigen Extremismus körperlich Schaden genommen oder Angehörige verloren hat, hat nicht die Wahl, weiterzuleben wie zuvor. Die Opfer von rechtem oder islamistischem Terror haben es verdient, das ganze Jahr über unsere Aufmerksamkeit zu erfahren. Doch die europäischen Gesellschaften haben sich nur allzu oft dafür entschieden weiterzumachen und einfach wieder zur Normalität überzugehen. Solidarisch wäre es hingegen, politische Resilienz aufzubauen und sich nicht mit einer Rede oder einem symbolischen Akt zu begnügen.

Dazu würde gehören, die Strafverfolgungsorgane besser zu schulen, damit nie wieder jemand so behandelt wird, wie die Opfer von Hanau nach dem Anschlag. Und es müsste eine konstruktive Debatte über Terrorismus gefördert werden, die jegliche Form von politischem Extremismus ausschließen würde.

Am 22. März 2016 erlebte Brüssel zwei terroristische Anschläge: Bei zwei koordinierten Selbstmordanschlägen in der U-Bahn und am Flughafen Zaventem kamen 32 Menschen ums Leben und Hunderte wurden verletzt. Ich erinnere mich, wie ich kurz nach seiner Wiederöffnung 2016 in der Haupthalle des Flughafens gestanden habe. In meiner Zeit als Präsident der Europäischen Union jüdischer Student*innen pflegte ich zwei- bis dreimal die Woche hierher zu kommen. Dieses Mal musste ich meinen Pass 16 Mal vorzeigen und Dutzende von Sicherheitschecks durchlaufen. Erst durch die Tausenden und Abertausenden Solidaritätsbotschaften, die sich über das, was von der Haupthalle übrig war, verteilten, ergriff mich die Erkenntnis, dass unsere Stadt zum Ziel barbarischer Gewalt geworden war. Die genervten Rufe um mich herum wurden zum Hintergrundgeräusch und mir schossen Tränen in die Augen. Diese Tage sollten das Leben in der Stadt für immer prägen. Seitdem patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten durch das Europaviertel. Manchmal stehen sie neben einem in der U-Bahn. Doch statt mir ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, erinnern sie mich nur an die ständige Bedrohung.

Als ich zehn Stunden später in den Vereinigten Staaten landete, bat man mich in der Park Avenue Synagoge darüber zu sprechen, wie die Stadt mit den Attentaten umgeht. Ich sagte, dass sich für die jüdische Gemeinde nichts verändert habe, denn wir seien seit dem Angriff auf das Jüdische Museum im Jahr 2014 und auch schon lange davor in einer unsicheren Lage gewesen. Dann sprach ich darüber, wie aufgrund der höchsten Terroralarmstufe in der Stadt, das öffentliche Leben 2015 in Brüssel stark eingeschränkt wurde.

Nach einer Woche des Hausarrests begriff ich, dass unsere Organisation, dass wir als Individuen 2015 zu potentiellen Zielen geworden waren, was zu den angsteinflößendsten Erfahrungen meines Lebens gehört. Während die gesamte Bewohner*innenschaft der Stadt wegen dieser Terrordrohung Haus und Wohnung nicht verlassen konnte, ging das Leben nach Beendigung der Terrorwarnung weiter wie bisher, so als sei nichts geschehen. Auf Twitter wimmelte es von lustigen Memes zum Hausarrest: Galgenhumor als eine Form des Widerstands. Waren wir dabei, uns kollektiv eine Resilienz zu erwerben, indem wir versuchten weiterzugehen oder wollten wir uns so verhalten, als wäre nichts geschehen?

Ich begann spontan die schwereren Terrorangriffe aufzuzählen, die seit dem Madrider Anschlag von 2004 in Europa stattgefunden hatten. Mein Publikum in New York schien sich an das eine oder andere Ereignis zu erinnern, doch selten wurden diese Vorfälle in einem Satz erwähnt. Das Argument dafür ist schlicht: die Zeiten, in denen Europa von terroristischer Gewalt verschont war, sind längst vorbei. Doch zu einem öffentlichen Konsens darüber, dass diese Erscheinung gemeinsam im öffentlichen Leben anzusprechen sei, ist es nie gekommen. Statt sich auf eine konstruktive Debatte einzulassen, in deren Mittelpunkt die Opfer stehen, hat man das Thema gemieden. Der Drang, so schnell wie möglich zur Normalität zurückzukehren, ist zunächst ein Akt des Widerstands, ein Bewältigungsmechanismus. Auf lange Sicht aber beeinträchtigt er eine kollektive Anerkennung, die frei von Extremismus ist. Resilienz wird durch Auseinandersetzung, nicht durch Vermeidung aufgebaut.

Der 11. März ist ein Gedenktag, der in unseren öffentlichen Debatten kaum eine Rolle spielt – dabei sollte er eine Plattform für öffentliche Trauer, Debatten und den Aufbau von Resilienz darstellen, die einem aktiven Konsens entspringt. Etwas Ähnliches wie das von Hillel Deutschland ins Leben gerufene „Festival of Resilience“ habe ich in ganz Europa nicht gefunden. Damit sie ihre eigenen Erinnerungsnarrative formulieren können, bringt das „Festival“ Opfer und Angehörige der Serie von rechtsextremen Terroranschlägen zusammen, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stattgefunden hat. Zu Recht sind wir schnell dabei, unsere Solidarität mit den Opfern von Hanau, Halle, dem Breitscheidplatz usw. zum Ausdruck zu bringen. Doch wenn wir ihnen zuhörten, dann müssten wir uns von der Vorstellung leiten lassen, dass derartiges wieder geschehen wird, und dass letzten Endes nur der Zufall und die Identität darüber befinden, wie unmittelbar es uns das nächste Mal treffen wird. Der israelische Jom haZikaron dient genau diesem Zweck – an diesem Tag steht das ganze Land still um der Opfer terroristischer Gewalt zu gedenken.

Eine öffentliche Austragung dieser Debatte ist vielleicht ein guter Indikator dafür, in welchem Maße Europa sich seiner politischen Realitäten stellt. Letztlich zielt die extremistische Gewalt vor allem darauf ab, die demokratischen Strukturen zu destabilisieren. Sich dieser Vorstellung zu verweigern ist ein Brandbeschleuniger für politische Extremisten.

Der Brüsseler Flughafen wurde erst Monate später ganz regulär wiedereröffnet. Nur wenige durchreisende Touristen werden begreifen, was es bedeutet, dass die ganze Stadt seine Mauern mit Trauer- und Solidaritätsbekundungen bedeckt hat. Der Flughafen ist für die Stadt das Tor zur Welt, der Ort, an dem unbeschwerte Urlaubserlebnisse beginnen, und nun auch der Ort, an dem unschuldige Menschen ihr Leben verloren haben. Möge es nie wieder nötig sein, diese Wände zu bedecken, aber wir schulden den Familien der 32 Toten und der 300 Verletzten das Versprechen, dass wir nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Wir schulden ihnen eine kollektive Reaktion, die nicht damit endet, dass wieder riesige Werbetafeln die Hauptabflughalle schmücken. Schließlich gibt es andere Möglichkeiten, an der Normalität eines angstfreien Alltags festzuhalten, die nicht auf Ignoranz gründen. Mindestens aber sollten wir eine Infrastruktur bereithalten, die es uns erlaubt, angemessen für jene zu sorgen, die nie wieder beim Einstieg in ein Flugzeug am Brüsseler Flughafen an Urlaub denken können.

Meine Solidarität gilt all denen, die Angehörige verloren haben oder unter einem Trauma leiden und ich gedenke der Opfer des Terrors auf dem ganzen Kontinent.  

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