
Am 11. März 2026 findet in Hamburg das erste CPPD-Festival »Voices Rising: Memory Unsilenced« statt. Im Altonaer Museum eröffnen wir im Rahmen des Festivals das Dynamic Memory Lab »Nước Đức. Vietnamesisch-Deutsche Migrationsgeschichte(n)« in Anwesenheit der Kurator*innen Dan Thy Nguyen und Nina Reiprich.
PROGRAMM:
11. März 2026
VERNETZUNGSTREFFEN:
»(Un)sichtbarkeiten in der Erinnerungskultur«
10:30–14:30 Uhr | Altonaer Museum
für erinnerungskulturelle und -politische Akteur*innen
*
GEDENKZEREMONIE:
»Achtsam Erinnern: Châu & Lân«
15:30–16:30 Uhr | Altonaer Museum
In Anwesenheit von Thi Kim Thoa Ngu und Thoi Trong Ngu
*
DML ERÖFFNUNG
»Nước Đức. Vietnamesisch-Deutsche Migrationsgeschichte(n)«
18:00 – 20:00 Uhr | Altonaer Museum
mit Nhi Le, Minh Duc Pham, Thi Kim Thoa Ngu, Thoi Trong Ngu, Minh Voll sowie den Kurator*innen Dan Thy Nguyen und Nina Reiprich
Musikalische Begleitung durch das Lotus Ensemble
*Im Rahmen der Eröffnung präsentieren wir eine erweiterte Auflage des Ausstellungskatalogs „Nước Đức“. Der Katalog wird in begrenzter Stückzahl und auf Spendenbasis während des Festivals erhältlich sein.*
Lange galt Sichtbarkeit im erinnerungspolitischen Kontext als ausschließlich steuerbar – über Lehrpläne, Museen, staatliche Gedenktage und Förderungen. Wer erinnert wird und wie, schien institutionell festlegbar, Erinnerung als top-down organisiertes Gut. Dieses Modell ist überholt. Sichtbarkeit funktioniert heute fundamental anders. Social Media ermöglicht es jeder*jedem, Inhalte zu produzieren, zu kuratieren, Aufmerksamkeit zu generieren. Sichtbarkeit lässt sich – auch trotz entsprechender Versuche – nicht mehr zentral kontrollieren: Sie entsteht dezentral, dynamisch, in kollaborativen Prozessen.
Diese Dezentralisierung des Erinnerns wirkt disruptiv. Sie erweitert die Erinnerungskultur durch neue Stimmen und Perspektiven, wirft aber auch Fragen nach Expertise und Legitimität auf. Wer entscheidet, welche Geschichten relevant sind? Welche Narrative gelten als verlässlich?
In dieser veränderten Landschaft wird Erinnerung nicht mehr allein institutionell gesteuert – sie muss von Communities selbst reflektiert und verantwortet werden. Das erfordert neue Kompetenzen: Communities brauchen die Tools, Skills und das Wissen, um Erinnerung aktiv zu gestalten. Sichtbarkeit wird so zu einem kollaborativen Prozess, der über bloßes Teilen hinausgeht – als Cross-Community Sharing, bei der Expertise, technische Ressourcen und Reichweite zwischen unterschiedlichen Gruppen ausgetauscht werden. Erinnerung wird zu einem lebendigen, vernetzten Prozess, der von vielen getragen wird.
In dieser Vernetzung liegt das Potenzial für eine inklusive, partizipative und selbstbestimmte Erinnerungspolitik – ein Raum, in dem Sichtbarkeit nicht verordnet, sondern gelebt, reflektiert und geteilt wird. Gemeinsam möchten wir erarbeiten, welche konkreten Tools diese neue Sichtbarkeit stützen können, welche Risiken bedacht werden müssen, welche Ressourcen benötigt werden.
Moderation: Avra Emin
Wir laden zu einer buddhistisch geprägten Gedenkzeremonie im Altonaer Museum ein. Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân waren zwei junge vietnamesische Geflüchtete, die 1980 in einer Unterkunft in der damaligen Halskestraße in Hamburg Billbrook bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag von Neonazis ermordet wurden, einer der frühen rechtsterroristischen Morde in der Bundesrepublik.
In Anwesenheit des Ehepaares Thi Kim Thoa Ngu und Thoi Trong Ngu, Überlebende des Anschlags, halten wir in gemeinsamer Achtsamkeit inne, erinnern an das Leben von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân und gedenken ihrer.
Das Dynamic Memory Lab »Nước Đức« nimmt die vietnamesisch-deutsche Migrationsgeschichte in den Blick und geht der Frage nach, wie Geschichte erinnert und erzählt – oder auch verdrängt und verschwiegen wird. Im Fokus der Ausstellung stehen Erinnerungen und Erfahrungen der vietdeutschen Community, die sich über mehrere Jahrzehnte zwischen Flucht und Vertragsarbeit, zwischen Nord- und Südvietnam und Ost- und Westdeutschland, zwischen Gewaltgeschichte und Selbstermächtigung bewegen und überkreuzen.
Kuratiert von Dan Thy Nguyen und Nina Reiprich, schafft das Dynamic Memory Lab »Nước Đức« einen Raum für Erfahrungen, die selten im Zusammenhang oder im gegenseitigen Bezug zueinander betrachtet werden, obwohl sie eng miteinander verwoben sind. Zusammen bilden sie ein erinnerungskulturelles Spannungsfeld, das sämtliche politische und gesellschaftliche Himmelsrichtungen des Kalten Krieges und der Nachwendezeit umfasst – wie ein Kompass, der ideologische Brüche ebenso sichtbar macht wie biografische Verflechtungen. Die Kurator*innen versammeln Beiträge von Künstler*innen und Aktivist*innen der 2. Generation vietdeutscher Einwanderer*innen, die sich der vietnamesisch-deutsche Migrationsgeschichte multiperspektivisch widmen. Sie laden ein und fordern dazu auf, diese als Teil unserer gemeinsamen Geschichte zu verstehen, die Grenzen in Erinnerungsdiskursen zu hinterfragen, Erinnerung als Funktion unserer Gesellschaft zu stärken.
In künstlerischen Auseinandersetzungen, persönlichen Texten und Interviewsequenzen spüren sie denkomplexen Erfahrungen der vietdeutschen Communities nach und legen dabei Widersprüche, Brüche und Leerstellen offen. Diese Erfahrungen werden als gegenseitiger Bezugsraum erzählt: Als Erinnerungen einer pluralen Community – und als Erinnerungen einer pluralen Gesellschaft. Es sind keine linearen Erzählungen, sondern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven. Dabei stellt sie zentrale Fragen: Wer wird gehört? Welche Erinnerungen erhalten Raum? Und was bleibt im Schatten? Und wie kann eine gemeinsame multiperspektivische Geschichte erzählt werden? Das Dynamic Memory Lab »Nước Đức« eröffnet einen Raum für neue, vielschichtige Formen des gemeinsamen Erinnerns.
Das Dynamic Memory Lab »Nước Đức« wurde am 20. September 2025 in Rostock im Rahmen des heimaten Festivals und in Kooperation mit dem Volkstheater Rostock eröffnet. Nach der ersten Station im Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Chemnitz wird das DML „Nước Đức“ vom 11. März bis 6. Juli 2026 im Altonaer Museum zu sehen sein.