Eine dringende gesellschaftspolitische Aufgabe liegt in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis des europäischen Kolonialismus. Dafür bedarf es gesellschaftswirksamer Strategien, die langfristig auf Dekolonisierung zielen. Künstlerische wie partizipative Ansätze und Maßnahmen können diese Prozesse mitgestalten und eine widerstandsfähige Erinnerungskultur fördern.
Die Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD) erarbeitet seit 2021 als kollaboratives Netzwerk von über 200 Partner*innen künstlerische, zivilgesellschaftliche und bildungspolitische Konzepte für ein pluralistisches gesellschaftliches Erinnern. Der Europäische Kongress der CPPD vom 14.-15. März 2025 beschäftigte sich mit Widerstand und Erinnerung in verschiedenen Veranstaltungsformaten.
Am 15. März 2025 wurde das Dynamic Memory Lab »Cycles of Decolonisation« von den Kurator*innen Cátia Severino und André Soares eröffnet. In der interaktiven Ausstellung
werden die Besucher*innen mit dem Erbe des europäischen Kolonialismus sowie seinen zeitgenössischen Erscheinungsformen konfrontiert. Am Beispiel von Lieferdienstfahrer*innen wird zudem gezeigt, wie zeitgenössische Wirtschaftssysteme koloniale Dynamiken reproduzieren. Künstlerische Positionen von Clara Laila Abid Alsstar, Muhammet Ali Baş, Ibou Diop, Eşim Karakuyu, Cássio Markowski, Dan Thy Nguyen, Jonas Weber-Herrera und weiteren Künstler*innen aus dem CPPD-Netzwerk beleuchten zentrale Merkmale von Kolonialisierung wie Rassifizierung, Silencing und Auslöschung, Entmenschlichung und Gewalt, Verwehrte Erinnerung sowie Vertreibung. In ihrer Eingangsrede kontextualisierten die Kurator*innen die Ausstellungsinhalte. Dr. Ibou Diop stellte Schnittstellen mit der Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteur*innen her.
Das Dynamic Memory Lab ist bis Sonntag, 23. März 2025, täglich von 10–18 Uhr, im Park der Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin, für das Publikum geöffnet.
Während des Netzwerkpartner*innentreffens im Rahmen des Europäischen Kongresses kamen verschiedene erinnerungsrelevante Akteur*innen aus Deutschland und Europa zusammen. Ein umfangreiches Ressourcenmapping zeigte den Bedarf nach fachspezifischer Vernetzung auf und initiierte Synergien zwischen den Teilnehmenden. Zusätzlich diskutierten die Akteur*innen über Herausforderungen und Möglichkeiten zur Etablierung einer widerständigen Erinnerungskultur.
Die Veranstaltung „…und nun zur Zeitenwende. Der langgezogene europäische Backlash, gesellschaftliche Einwilligung und Widerstand“ im Studio Я des Maxim Gorki Theaters nahm das Thema des Europäischen Kongresses auf: Noa K. Ha sprach über die ethische Dimension von Erinnerungskultur und die Notwendigkeit, Erinnerungskultur und Widerstand grundlegend in Relation zu setzen. Gilda Sahebi verwies darauf, die Mehrheitsgesellschaft bei der Beschäftigung mit Erinnerungskultur nicht aus dem Blick zu verlieren. Cátia Severino ging zudem auf die Bedeutung von Erinnerungskultur als Erinnerungsarbeit ein, die mit Erstarken des rechten Backlashs in Europa nicht aufhöre oder gescheitert sei, sondern weiter ausgebaut werden müsse.
Johanna Korneli stellte in ihrer Eröffnung fest, dass die Dimensionen demokratischer Stärkung unserer europäischen Gesellschaft nur zusammen mit einer Neuausrichtung einer europäischen Erinnerungskultur zusammenzudenken ist. Jo Frank verwies auf Kooperation als zentrales Merkmal einer widerständigen pluralen Erinnerungskultur. Gerade in Anbetracht des Rechtsrucks in Europa sei die europäische Zivilgesellschaft in der Pflicht, Regierungshandeln kritisch zu begleiten und die Bedeutung pluraler Erinnerungskultur für eine offene Gesellschaft zu stärken.
Künstlerische Beiträge von Ricardo Domeneck und Zselyke Z. Tárnai bildeten einen inhaltlichen Rahmen für die Veranstaltung: In ihren Arbeiten fokussierten sie die Auswirkungen von historisch verpassten Chancen auf eine nachhaltige Festigung gesellschaftlicher Pluralität. Gerade die individuellen Dimensionen nahmen sie in dabei in den Blick. Die Veranstaltung wurde von Max Czollek moderiert. Dieser verband die Konzepte widerständiger pluraler Erinnerungskultur mit der Frage, wie Community-übergreifend gerade jetzt zusammengearbeitet werden kann, wenn globale Herausforderungen wie innereuropäische Dynamiken gerade marginalisierte Communities weiter in den Hintergrund drängen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater statt.
Der Europäische Kongress der CPPD lud ein Fachpublikum sowie die breite Öffentlichkeit ein, kritisch über eigene und kollektive Formen des Erinnerns zu reflektieren. Über partizipative Elemente wurde eine widerständige Erinnerungskultur als demokratische Erinnerungskultur gelebt. Diese Ressourcen zur Förderung von Dialog und künstlerischen Formaten werden auch in Zukunft benötigt, um eine wehrhafte Gesellschaft zu etablieren, die sich gegen eine Romantisierung imperialistischer und kolonialer Vergangenheiten und gegen sämtliche Formen der Menschenfeindlichkeit positioniert.