16. September: Todestag von Jina Mahsa Amini

Gilda Sahebi&Hannan Salamat

Die folgenden Interviewauszüge sind Teil der CPPD-Gesprächreihe „Gegenwart erinnern“. Das vollständige Video zwischen der Ärztin und Journalistin Gilda Sahebi sowie der Kultur- und Religionswissenschaftlerin Hannan Salamat ist hier verfügbar.

 

Hannan Salamat: Am 13. September 2022 wurde die 22-jährige Jina Mahsa Amini in Teheran festgenommen. Am 16. September ist die junge Frau gestorben. Was kannst du uns zum Kontext dieser Ereignisse sagen?

Gilda Sahebi: Zum Kontext kann man natürlich sehr viel sagen. Jina Amini wurde am 13. September von der sogenannten Sittenpolizei in Teheran festgenommen. Diese Polizei gibt es seit 2005, und davor wurden die Sitten auch schon sehr gewaltsam kontrolliert. Die Polizei ist dafür da, um die islamische Kleiderordnung im ganzen Land durchzusetzen. Diese Polizei hat Jina Amini verhaftet. Auf jeden Fall ist Jina Amini geschlagen und misshandelt worden, sie ist auf der Polizeistation ins Koma gefallen und drei Tage später an den Folgen dieser Verletzungen und Misshandlung gestorben.

Es ist eigentlich egal, wie sie das Kopftuch trug oder nicht: Die Sittenpolizei und diese gesamten Regeln sind willkürlich. Es herrscht eine absolute Willkür im Staat und Frauen werden strukturell kriminalisiert. In dem Moment, in dem man als Frau vor die Tür geht, ist man eigentlich eine potenzielle Kriminelle – egal, wie man sich kleidet. Das Kopftuch im Iran steht eben für die systematische Unterdrückung von Frauen. Die Gewalt und die Wut auf die Sittenpolizei ist in den letzten Jahren stärker geworden, weil die Sittenpolizei immer gewaltsamer agiert: Menschen verhaftet, Frauen verhaftet, misshandelt, ins Gefängnis bringt. Zwei Monate bevor Jina Amini ermordet wurde, wurde Sepideh Rashno festgenommen, weil sie kein Kopftuch getragen hat. Sie wurde gefoltert, misshandelt und gezwungen, mit offensichtlichen Foltermerkmalen im Gesicht im Staatsfernsehen aufzutreten und sich zu entschuldigen. Ereignisse dieser Art haben sich sehr gehäuft. In diesem Sinne war Jina Amini nicht der alleinige Auslöser für die Proteste, aber ein wichtiger, unter anderem, weil sie Kurdin und Sunnitin war. Am 17. September wurde sie beerdigt. Daraufhin haben die Proteste angefangen. Die Frauen haben in Massen ihre Kopftücher abgenommen, sie haben „Jin Jiyan Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“) gerufen und protestiert. Der zivile Protest hat in Kurdistan eine lange Tradition und war auch deswegen unglaublich mächtig. Das hat sich auf das ganze Land ausgeweitet.

 

Hannan Salamat: Wir sind hier an einem Gedenkort – wir sitzen vor einer schwarzen Maulbeere, die in Andenken an Jina Amini gepflanzt worden ist. Seit ihrem Tod ist nun ein Jahr vergangen und in der Berichterstattung sehen wir schon sehr viel weniger über den Iran. Ich finde es spannend, wie dieses Gedenken jetzt weitergeht. Was sind für dich gute Formen des Erinnerns in diesem Kontext?

Gilda Sahebi: Zunächst ist es grundsätzlich wichtig, herauszustellen, wie wichtig Erinnern ist. Im Iran wird das Erinnern vom Staat permanent, rigoros und gewalttätig verboten. Es werden sogar Gräber von Menschen geschändet, die während der Proteste ermordet wurden. Auch Jina Aminis Grab wurde schon mehrmals geschändet. Wenn Eltern im Andenken an ihr getötetes Kind am Geburtstag draußen an der Hauswand Bilder aufhängen, wird alles abgeräumt. Alle Bereiche, in denen es ums Erinnern geht, werden von diesem Staat völlig ausradiert. Das betrifft übrigens auch Erinnerungen an die Geschichte des Landes. Man darf nicht an die Geschichte des Landes vor 1979 erinnern. Der Staat will die Erinnerung auslöschen und daran sieht man, wie wichtig sie ist – für das Individuum und für die Gesellschaft.

Man sieht das auch in Deutschland. Die offiziellen Mahn- und Denkmale zu haben, ist gut, aber sie reichen überhaupt nicht. Wir leben jetzt drei, vier Generationen nach der Shoah, und man sieht, wie schnell vergessen wird. Ein Großteil der Deutschen möchte einen Schlussstrich ziehen, unabhängig von der Anzahl unserer Mahnmäler. Sie sind wichtig, aber sie ersetzen nicht die Arbeit, die in der Gesellschaft gemacht werden muss. Diese Chance hat Deutschland verpasst, und daran leiden gerade viele Menschen in diesem Land. Es wird noch sehr schief gehen, weil in den letzten Jahrzehnten nichts verändert wurde.

Wie soll das aussehen? Ich weiß es nicht. Es kann natürlich Denkmale geben, es kann alle möglichen physischen Formen des Gedenkens geben. Es ist vor allem auch für einzelne Menschen besonders wichtig, dass sie an ein Grab gehen können, dass sie Bücher haben, in die sie schreiben. Aber ich glaube, dass vor allem das politische und das kulturelle Gedenken wichtig ist. Dazu gehört auch die Berichterstattung, Schulbücher, der Buchmarkt, unsere Debattenkultur. Welche Worte benutzen wir, wie viel Menschenverachtung liegt in unserer Sprache? Das ist auch alles Erinnern, weil wir das ja nicht aus einem Vakuum, sondern aus der Geschichte heraus machen.

Es ist sehr, sehr schwierig, die Geschichte zu verleugnen. Dass im Iran vor 1979 ebenfalls viel geschehen ist, ist Teil der Geschichte, und wenn man das wegdrückt, ist es unmöglich in der Zukunft zu wachsen. Genau so ist es ja auch im eigenen Leben. Wenn ich sage, meine Geschichte fängt jetzt – heute – an, dann kann ich all das, was in den letzten Jahren geschehen ist, nicht nutzen. Das ist dann weg und das wollen wir nicht. Weil wir sowohl an dem Schmerz als auch an der Freude, die wir hatten, wachsen. Deswegen ist das Erinnern für mich etwas viel, viel Größeres als nur physisches Handeln. Es muss in allen Teilen der Gesellschaft gegenwärtig sein und ich glaube, dass das oft noch nicht verstanden wird. In Bezug auf den Iran sind es die Menschen dort, die entscheiden müssen, wie ihr Erinnern aussieht. Gerade werden die Menschen von einem Staat regiert, der das Erinnern auslöschen will, genau aus den eben genannten Gründen. Denn Erinnern heißt wachsen, und Erinnern führt zu Mitgefühl und zu Liebe, und das will dieser Staat nicht.

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