Tod von Halim Dener

Luna Ali

Wer einmal nachts mit einem Eimer Kleister und einer Handvoll Plakaten durch die Straßen gezogen ist, um für eine Demonstration, eine Veranstaltung oder ein Festival Werbung zu machen, kennt das Gefühl, dass hinter jeder Ecke vielleicht die Polizei lauert. Was man fürchtet, ist eine Anzeige, 600 Euro Bußgeld, wenn man es nicht schafft, schnell zu reagieren und wegzurennen. Wer würde beim Plakatieren schon den Tod fürchten müssen?

Der Tod traf Halim Dener bei eben dieser Tätigkeit. Sein Tod ist nicht nur ein Fall rassistischer Polizeigewalt, sondern ein Beispiel für das jahrzehntelange und erforderliche Ringen, um einem linken, kurdischen Aktivisten und politischen Geflüchteten ein wenig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Als Halim Dener getötet wurde, war er 16 Jahre alt. Sein Leben wurde am 30. Juni 1994 durch einen Schuss in den Rücken beendet. Er plakatierte mit anderen kurdischen Jugendlichen für die Eniya Rizgariya Neteweyî ya Kurdistanê, eine Unterorganisation der damals kürzlich in Deutschland verbotenen PKK. Als er und seine Genoss*innen entdeckt wurden, soll es laut Zeug*innenaussagen zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Der Schuss sei versehentlich gelöst worden, weshalb es nach einem Strafverfahren gegen den Polizeibeamten zum Freispruch kam.

Aufgewachsen war Halim Dener in Bingöl im Osten der Türkei, wo er den Terror des türkischen Militärs gegen die kurdische Bevölkerung erlebte und der ihn dazu veranlasste, nach Deutschland zu fliehen. Als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter beantragte er Asyl unter dem Namen Ayhan Eser, um seine Familie zu schützen. Vor seiner Flucht soll er im türkischen Gefängnis gefoltert worden sein.

Sein Tod zog eine Protestwelle nach sich. An der Trauerkundgebung in Hannover am 10. Juli 1994 nahmen 16.000 Menschen teil. Weitere Gedenkdemonstrationen erreichten diese Anteilnahme nicht. Der Versuch, ein würdevolles Gedenken materiell zu übersetzen, scheiterte bisher stets an der Politik. Während sich nach Jahrzehnten auf Bezirksebene 2017 auf eine Platzbenennung geeinigt wurde, wurde diese auf kommunaler Ebene mit der Begründung torpediert, man wolle keinen Konflikt zwischen Türk*innen und Kurd*innen provozieren. Rassismus tötete Halim Dener, Rassismus sollte auch sein Gedenken verhindern, wäre da nicht die unermüdliche Arbeit der „Kampagne Halim Dener“. Neben der Veröffentlichung eines Buches „Halim Dener. Gefoltert. Geflüchtet. Verboten. Erschossen“, organisiert die Initiative nicht nur die jährlich stattfindende Gedenkdemonstration, sondern auch zahlreiche kreative Denkmäler. So wurde 2021 mit 12 Künstler*innen ein 15 Meter langer Betontisch am inoffiziellen Halim-Dener-Platz umgestaltet. Obwohl die Aktion von der Stadt genehmigt wurde, wurde sie Wochen später übermalt. Zahlreiche selbst aufgestellte Gedenktafeln wurden ebenso hartnäckig entfernt. Doch politische Erinnerungsarbeit ist hartnäckiger. 2023 wurde im Zuge der Umgestaltung des Steintorplatzes in Hannover die längst überfällige Gedenktafel angebracht. Zum 30. Todestag plant die „Kampagne Halim Dener“ eine Konferenz und Demonstration unter dem Titel „Kämpfe verbinden!“.

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