28. November: Tag des Gedenkens an den Holodomor in der Ukraine (1932-1933)

Olesya Yaremchuk

Sogar in meiner Familie gibt es Erinnerungen an den Holodomor: Meine Großmutter erzählte, wie in einem kleinen westukrainischen Dorf Menschen verhungerten oder einfach vor Erschöpfung auf der Straße umgefallen waren. Da der Westen der Ukraine weniger vom Holodomor betroffen war, gingen Menschen aus der Ostukraine in die Westukraine, um Lebensmittel zu kaufen. Meine Großmutter nahm eine Frau, die auf der Straße vor Hunger umgefallen war, mit zu sich nach Hause. Sie gab ihr jeden Tag etwas zu essen, damit sie überleben konnte. Dann ging diese Frau zurück in die Ostukraine.

In den Jahren 1932–1933 löste die oberste Führung der Sowjetunion unter Stalin in den Gebieten der damaligen Ukrainischen SSR eine massive, politisch verursachte Hungersnot aus, der nach Angaben verschiedener Historiker*innen zwischen 4 und 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

In der Ukraine wird der Begriff „Holodomor“ für die große Hungersnot von 1932–1933 sowie für die Hungersnöte in kleinerem Maßstab von 1921–1923 und 1946–1947 verwendet. „Holodomor“ leitet sich von dem Wort „Holod (Hunger)“ ab.

Obwohl die fruchtbaren ukrainischen Böden genügend Nahrungsmittel lieferten, nahm die sowjetische Regierung den Menschen alles weg. Die Mitglieder des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) brachen in die Häuser der Menschen ein und durchsuchten sie, konfiszierten Kühe, Hühner und alle anderen Tiere auf dem Hof, holten Säcke mit Kartoffeln und Gemüse aus den Kellern und nahmen Getreide und andere Vorräte mit. Wenn sie einen Sack Mehl oder andere Lebensmittel fanden, die irgendwo versteckt waren, erschossen sie die Eigentümer oder deportierten sie nach Sibirien.

Aus Augenzeug*innenberichten erfahren wir, wie die Menschen unter Androhung von zehn Jahren Gefängnis im Winter durch die Felder zogen, um nach Weizenähren zu suchen, wie sie Brennnesseln, Baumrinde, Gras und Eicheln aßen, Fladenbrot aus Gänsefüßen und Sägemehl machten und Mäuse, Erdhörnchen, Krähen und Spatzen kochten. Viele Menschen starben aufgrund von Magenverstimmungen und anderen Infektionen, die sie sich durch solche Lebensmittel zugezogen hatten.

Es gibt sogar noch schlimmere Geschichten von Menschen, die ihre eigenen Kinder, Verwandte oder Nachbarn aßen. Fotos aus den Jahren 1932–1933 zeigen kleine Kinder mit aufgedunsenen Bäuchen aufgrund des Hungers.

Das Regime verschonte weder Erwachsene noch Kinder. Stalins Hauptziel war die Unterwerfung und physische Vernichtung der Ukrainer*innen, die sich massenhaft gegen die „Kollektivierung“ der Landwirtschaft wehrten und sich gegen das Sowjetregime auflehnten.

Der jüdische Rechtsanwalt Rafal Lemkin, dem es gelang, dem Holocaust zu entkommen, der als erster den juristischen Begriff „Völkermord“ prägte und dessen Forschungen in die Urteile des Nürnberger Tribunals einflossen, veröffentlichte 1953 einen Artikel mit dem Titel „Sowjetischer Völkermord in der Ukraine“.

Im Jahr 1953 richtet der Wissenschaftler in New York einen Appell an dreitausend Zuhörer, in dem er bestimmte antiukrainische Maßnahmen nachwies, die nahelegen, den Holodomor als sowjetischen Völkermord zu verstehen. Zu diesen Maßnahmen zählen unter anderem Russifizierung, Liquidierung der ukrainischen Kirchen, die Vernichtung der ukrainischen Intelligenz, Massendeportationen, Dekulakisierung, die „Zersplitterung des ukrainischen Volkes durch die Ansiedlung von Ausländern in der Ukraine und gleichzeitige Zerstreuung der Ukrainer in ganz Osteuropa“, Massenmord an Ukrainer*innen, ihre Verbannung nach Sibirien usw.

„Ein klassisches Beispiel für den sowjetischen Völkermord, sein längstes und umfangreichstes Experiment der Russifizierung, ist nämlich die Ausrottung der ukrainischen Nation“, schrieb er.

Die Beweise für die herbeigeführte Massenhungersnot wurden vom walisischen Journalisten Gareth Jones dokumentiert, der seine Erkenntnisse zuerst in „The Guardian“ und „The New York Post“ veröffentlichte. Weitere Informationen finden sich in Büchern wie z. B „The Holodomor and the Origins of the Soviet Man“ von Vitalii Ogiienko, „The Harvest of Sorrow: Soviet Collectivisation and the Terror-Famine“ des Historikers Robert Conquest in Zusammenarbeit mit James Mace oder in Anne Applebaums „Roter Hunger: Stalins Krieg gegen die Ukraine“.

34 Länder haben den Holodomor offiziell als Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung anerkannt, darunter auch Deutschland. Im Jahr 2022 verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Resolution, in der er den Holodomor als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ anerkannte. Zudem wurde die Massenhungersnot in der Resolution nicht als Ergebnis einer Missernte deklariert, sondern die Verantwortung eindeutig der Führung der Sowjetunion unter Joseph Stalin zugewiesen. Die Parlamentarier*innen riefen dazu auf, die russischen Geschichtsdarstellungen zu widerlegen.

Das Ausmaß der Lügen und Fälschungen des kommunistischen totalitären Regimes war so groß, dass Wissenschaftler*innen noch immer nicht die genaue Zahl der getöteten Menschen nennen können. In akademischen Diskussionen schwankt die Zahl der Opfer zwischen 4 und 10 Millionen. Russland erkennt den Holodomor von 1932–1933 immer noch nicht als Völkermord an und verschweigt die Verbrechen des Kommunismus, indem es die NKWD-Archive unter Verschluss hält.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo nach 1945 ein Entnazifizierungsprozess stattfand, hat Russland keinen Prozess der Dekommunisierung durchlaufen. Außerdem glorifiziert Russland weiterhin Stalin, indem Denkmäler errichtet und totalitäre Methoden angewandt werden, um seine Hegemonie weiter auszubauen. Leider nutzt Putin die Hungersnot als Erpressungsinstrument, indem er Dutzende von Ländern an den Rand des Verhungerns zu bringen droht und Bedingungen stellt: Dazu gehören die Freigabe russischer Vermögenswerte sowie die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland.

Kurz nach Beginn des Einmarsches in die Ukraine im Februar 2022 hinderte Russland ukrainische Getreideschiffe an der Ausreise in andere Länder. Durch den Exportstopp wurde das Leben von Millionen von Menschen in den ärmsten Ländern der Welt gefährdet. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren im Jahr 2022 mindestens 258 Millionen Menschen in 58 Ländern von „akuter Ernährungsunsicherheit“ betroffen – aufgrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine.

Nach der Aushandlung und Unterzeichnung des Schwarzmeer-Getreideabkommens blockierte Russland im Juli 2023 erneut ukrainische Schiffe mit Getreide, Mais und Sonnenblumenöl. Gleichzeitig drohte Russland damit, zivile Frachtschiffe mit Getreide auf hoher See zu beschießen, wenn sie sich ukrainischen Häfen näherten oder verließen.

Am 26. November gedenken wir in der Ukraine der Opfer des Holodomor, indem wir um 16 Uhr Kerzen an den Fenstern anzünden und uns einer Schweigeminute anschließen. Mit dem Gedanken und der Hoffnung, dass sich dieses Übel nie wiederholen möge.

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