31. Mai: Tag der weißen Bänder

Melina Borčak

Am 31. Mai 2022 jährt sich der „Tag der weißen Bänder“ zum 30. Mal. Er erinnert an die Folgen, die ein Erlass der bosnisch-serbischen nationalistischen Autoritäten während des Bosnienkrieges hatte: Bosnische Muslim*innen, katholische Kroat*innen sowie andere Nicht-Serb*innen wurden als „die Anderen“ markiert und dazu gezwungen, ein physisches Erkennungszeichen (weiße Bänder) zu tragen und ihre Häuser durch weiße Fahnen zu kennzeichnen. Als erinnerungspolitische Praxis wird dem Tag heute durch das Tragen von weißen Bändern gedacht. So kann auf die Kriegsverbrechen aufmerksam gemacht werden, die vor diesem Hintergrund 1992 im Nordwesten Bosniens verübt wurden.

 

Was passierte?
In den 90ern, während des Angriffskrieges auf Bosnien, übernahmen serbische Nationalist*innen gewaltsam die Macht in der Stadt Prijedor. Alle Nicht-Serb*innen wurden gezwungen, ihre Oberarme mit weißen Bändern und ihre Häuser mit weißen Laken zu markieren. Dann wurden sie in Konzentrationslager, Vergewaltigungslager und Todeslager deportiert. Die Ereignisse waren Teil des Genozids an Bosniak*innen, also bosnischen Muslim*innen. Fast alle Opfer (mind. 94%) waren bosniakisch (muslimisch). Doch die serbischen Truppen ermordeten auch andere Nicht-Serb*innen. Mehr als 3.000 Menschen wurden in wenigen Wochen getötet. Zehntausende mehr wurden gefoltert, vergewaltigt, vertrieben. In den Jahren danach wurden noch mehr Menschen ermordet.


Warum ist das wichtig?
Prijedor wird seit dem Genozid von serbischen Nationalist*innen kontrolliert. Erinnerungspolitisch verbieten sie Überlebenden u. a., ein Denkmal an die im Rahmen des Genozids ermordeten Kinder zu errichten. Stattdessen gibt es im Konzentrationslager Trnopolie ein Denkmal, das der Täter*innen gedenkt. Der Genozid an Bosniak*innen 1992 bis 1996 ist zentraler Bestandteil rechtsextremer und rassistischer Ideologie. Viele rechtsextreme Terrorist*innen nahmen Bezug auf den Genozid und nutzten ihn als Inspiration: Von Utøya über München und Halle bis zu Christchurch. Wie können wir ihnen entgegentreten, wenn wir nicht vom Genozid an Bosniak*innen wissen? Es geschah in den Neunzigern, mitten in Europa. Nur fünf Stunden Autofahrt entfernt von Deutschland. Wer in München lebt, lebt näher am Todeslager Omarska als an Hamburg.

 

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