27. Juni: NSU-Mord an Süleyman Taşköprü

Caro Keller

Süleyman Taşköprü wurde am 20. März 1970 in Istanbul geboren und wuchs in Şuhut auf. Mit elf Jahren kam er nach Hamburg-Altona, wo bereits seine Eltern und seine Geschwister lebten. In Hamburg machte er seinen Realschulabschluss. Seine Schwester Ayşen Taşköprü schrieb zum 20. Jahrestag seiner Ermordung im Magazin „Hinz & Kunzt“: „Wir hatten viele Freunde, und obwohl wir später etwas weiter außerhalb gewohnt haben, hat es uns immer wieder nach Altona gezogen.“

Mit 28 Jahren wurde Süleyman Taşköprü Vater einer Tochter. Als diese drei Jahre alt war, übernahm er das Lebensmittelgeschäft seiner Familie, den „Taşköprü-Market“. Ayşen Taşköprü (ebd.): „Er war voller Pläne. […] Ich erinnere mich an den April 2001: Mein Bruder stand im Laden, voller Begeisterung, […]. Doch seine Pläne und Träume wurden mit ihm vernichtet.“ Nur zwei Monate später, am 27. Juni 2001, wurde Süleyman Taşköprü vom NSU in genau diesem Laden in Hamburg-Altona ermordet.

Ali Taşköprü fand seinen Sohn am 27. Juni 2001 blutend auf dem Boden des Lebensmittelgeschäfts. Er berichtete im NSU-Prozess, dass er zu einem Laden in der gleichen Straße gegangen sei, um Oliven zu kaufen. Als er zurückgekommen sei, habe er hinter der Theke etwas Schwarzes gesehen. Er habe gesagt: „Mein Sohn, hast du hier etwas vergossen?“ Sein Sohn habe nicht geantwortet. Er habe dann die Oliven zur Seite gestellt. Sein Sohn habe auf dem Boden gelegen. Er habe das Gesicht seines Sohnes auf den Schoß genommen. Sein Sohn habe etwas sagen wollen, es aber nicht gekonnt. „Nachher ist die Polizei gekommen und hat meinen Sohn von meinem Arm weggenommen und ihn auf den Boden gelegt.“

Süleyman Taşköprü war das dritte Opfer der rassistischen Mordserie des NSU. Sein Vater sagte aus, er habe auf dem Weg zurück in den Laden zwei weiße Männer gesehen, die er für die Täter hielt. Die Ermittlungen in Hamburg waren trotzdem von rassistischen Thesen geprägt, die Süleyman Taşköprü, sein Umfeld und seine Familie in den Fokus rückten. Als in der bundesweiten Ermittlungsgruppe zur Mordserie 2006 kurzzeitig gegen rechts ermittelt wurde, sprachen sich die Hamburger Ermittler dagegen aus.

Mehr noch: Im Rahmen der Hamburger Ermittlungen wurde ein Mann aus dem Iran eingeflogen, der angab, er könne Kontakt zu Toten aufnehmen. Sein Beitrag zu den Ermittlungen war die Aussage, der verstorbene Süleyman Taşköprü habe ihm von einem Täter berichtet, der „einen dunklen Teint (Südländer), braune Augen und schwarze Haare“ habe. Das Opfer, so die Aussage des extra eingeflogenen „Mediums“ habe mit einer polizeibekannten Bande in Kontakt gestanden, die aus bis zu acht Personen bestanden habe. Dem Hamburger LKA waren diese Hellsehereien Bestätigung seiner Ermittlungsthesen.

Die Familie Taşköprü kämpft bis heute für Aufklärung. Okan Taşköprü, der Neffe von Süleyman Taşköprü, sagte beim Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ im Jahr 2022: „Ein Heilungsprozess war nicht möglich aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen unsere Familie.“ Er forderte dort im Namen seiner Familie einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem der NSU mordete, das bis heute keinen Untersuchungsausschuss eingesetzt hat. Zuletzt stellte die Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft einen entsprechenden Antrag. Die Familie war bei der Diskussion in der Bürgerschaft anwesend und musste mit ansehen, wie die Regierungsparteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen erneut die Einsetzung eines solchen Ausschusses verhinderten.

◀ Zurück zum Pluralistischen Gedenkkalender