09. Juni: NSU-Mord an İsmail Yaşar

Caro Keller

İsmail Yaşar wurde 1955 in Alanyurt in der Türkei geboren, mit 23 Jahren kam er nach Deutschland. Er heiratete dort und hatte eine Tochter und einen Sohn. İsmail Yaşar betrieb in der Nürnberger Scharrerstraße einen Dönerimbiss. In der Nachbarschaft war er bekannt und beliebt, insbesondere bei den Schüler*innen der gegenüberliegenden Scharrerschule, die auch sein Sohn besuchte. In ihrer Zeuginnenaussage im NSU-Prozess erinnerte sich eine Kundin an ihn als „sehr guten Menschen, als kinderlieben Menschen“.

İsmail Yaşar wurde am 9. Juni 2005 in seinem Döner-Imbiss, den er zu dem Zeitpunkt seit sechs Jahren führte, vom NSU erschossen. Nach dem Mord klebten Schüler*innen der Schule und Nachbar*innen Briefe an den Imbiss, legten Blumen ab und entzündeten Kerzen. Dieses erste Gedenken wurde von den Ermittlungen der Polizei schnell zunichte gemacht: Auch nach dem sechsten Mord der „Ceska-Mordserie“ ermittelten die Behörden vor allem gegen das Mordopfer und sein persönliches Umfeld. In Richtung eines rechten Motivs wurde kaum ermittelt, obwohl es zum Beispiel zuvor eine Sachbeschädigung am Imbiss gegeben hatte, für die ein Neonazi einen Monat ins Gefängnis musste.

Mehr noch: Der Mord an İsmail Yaşar fand genau ein Jahr nach dem Nagelbombenanschlag auf die Kölner Keupstraße statt. Deswegen dachten auch einige Medien über eine mögliche Verbindung des Anschlags in der Keupstraße mit den Morden nach. Hintergrund dieser Überlegungen waren Ermittlungsansätze der Polizei, die sich auf Überwachungsvideos vor dem Anschlag in der Keupstraße aus Köln bezogen. Diese Videos zeigten die Täter mit ihren Fahrrädern, keine drei Minuten Fußweg entfernt vom Tatort. Einer Zeugin im Zusammenhang mit dem Mord an İsmail Yaşar wurden diese Videos vor der Selbstenttarnung des NSU von der Polizei gezeigt, da auch sie Männer mit Fahrrädern gesehen hatte. Mindestens einen der beiden wollte die Zeugin bereits damals „ziemlich sicher“ wiedererkannt haben. Aber auch diesem Hinweis, der sich später als vollkommen zutreffend erwies, gingen die Ermittler*innen im Weiteren nie ernsthaft nach. Auch auf die Berichterstattung hatten diese Ansätze keinen nachhaltigen Effekt.

Nach der Selbstenttarnung des NSU kehrte das Gedenken an İsmail Yaşar in sein Viertel zurück. Lange gab es kein offizielles Gedenken der Stadt, doch die antifaschistische Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ und Schüler*innen der Scharrerschule brachten Schilder und Kacheln am Tatort an. Nach und nach kamen eine Gedenkplatte und Graffitis im Umfeld dazu. 2022 wurde eine benachbarte Grünfläche in İsmail-Yaşar-Platz umbenannt, in Anwesenheit seiner Kinder. Dort wurde auch eine Gedenkstele eingeweiht und ein Walnussbaum in Erinnerung an İsmail Yaşar gepflanzt.

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