29. August: NSU-Mord an Habil Kılıç

Caro Keller

Habil Kılıç wurde 1963 in Borçka in der Türkei geboren. Mit 22 heiratete er seine Frau, die er in der Türkei kennengelernt hatte, die aber bereits in München lebte. Dorthin zog auch er einige Zeit später. Die beiden bekamen eine gemeinsame Tochter. Im Jahr 2000 entschloss sich das Ehepaar, einen Frischwarenladen in München-Ramersdorf zu eröffnen. Habil Kılıç behielt aber seinen Beruf als Gabelstaplerfahrer und arbeitete nach Feierabend in dem gemeinsamen Geschäft.

Im August 2001, knapp anderthalb Jahre nach der Eröffnung des Frischwarenladens, arbeitete Habil Kılıç auch tagsüber im Laden, weil seine Frau und seine Tochter im Urlaub in der Türkei waren. Am Vormittag des 29. August 2001 wurde er in seinem Laden vom NSU erschossen. Habil Kılıç wurde 38 Jahre alt. Er war das vierte Opfer der rassistischen Mordserie, deren Hintergrund jedoch erst 2011 klar wurde. Zuvor ermittelten die Behörden gegen die Ermordeten, ihre Familien und ihr Umfeld. So auch nach dem Mord an Habil Kılıç. Die Familie musste nach der Freigabe des Ladens durch die Polizei die Spuren des Mordes selbst entfernen. Zuvor hatte die Familie über dem Laden gewohnt, nun gab seine Frau Wohnung und Laden auf und verließ mit ihrer Tochter das Viertel. Der Mord des NSU, das Verhalten der Behörden und die von ihnen verbreiteten Gerüchte über den Ermordeten sorgten also letztlich dafür, dass Familie Kılıç neben dem Familienvater auch ihr nachbarschaftliches Umfeld und ihren Lebensunterhalt verlor.

Habil Kılıçs Frau, P. Kılıç, war die erste Angehörige, die im NSU-Prozess als Zeugin befragt wurde. Richter Götzl trat ihr gegenüber autoritär auf. P. Kılıç wollte bei ihrer Vernehmung am 22. Verhandlungstag nicht vor „dieser Frau“ – also der Hauptangeklagten im NSU-Prozess, Beate Zschäpe – über die Situation nach der Tötung ihres Mannes sprechen: „Wie kann das sein? Können sie sich das nicht vorstellen, wenn man den Mann, dann den Laden verliert? Wie die Leute darüber reden, wenn man wie ein Verdächtiger behandelt wird? Was soll ich hier sagen vor dieser Frau?“ Götzl herrschte sie daraufhin an, dass er eine höfliche Antwort erwarte, wenn er selber höflich frage. P. Kılıç berichtete auf Drängen des Richters: Sie hätten eine große Menge Schaden angerichtet, erst den Mann ermordet, dann den ganzen Freundeskreis kaputtgemacht, das ganze Finanzielle: „Alles haben sie kaputtgemacht, alles.“

An Habil Kılıç erinnert heute eine Gedenktafel am ehemaligen Geschäft der Familie in der Bad-Schachener-Straße.

 

◀ Zurück zum Pluralistischen Gedenkkalender