15. Mai: Nakba-Tag zum Gedenken an die Flucht und Vertreibung der Palästinenser*innen aus dem früheren britischen Mandats-gebiet Palästina in den Jahren 1948/1949 (seit 2004)

Joana Osman

„Was bedeutet Jüdischsein für dich?“, habe ich meine jüdisch-israelische Freundin Michal einmal gefragt. Michal ist überzeugte Atheistin; die Religion – das wusste ich – war es also nicht, was sie zur Jüdin machte. Woher nahm sie ihre Identität als Jüdin, woran machte sie dieses Gefühl fest?

„Die Shoah“, sagte sie. „Ich definiere mich als Jüdin, weil meine Großeltern den Holocaust überlebt haben. Weil ich Teil des Volkes bin, das im Holocaust vollständig vernichtet werden sollte. Dieses Trauma macht mich zu dem, was ich bin. Es hat mich definiert. Jüdischsein bedeutet für mich, den Holocaust in sich zu tragen. Verstehst du?“

Das tat ich. Denn mit dem Palästinensischsein ist es ja ähnlich.
Wir tragen die Nakba in uns wie einen schweren Rucksack, gefüllt mit Steinen, und jeder Stein steht für etwas, das wir verloren haben: unser Zuhause, Menschen, die wir liebten, Sicherheit, Perspektiven, Würde, eine Zukunft …

Nichts definiert das palästinensische Volk so sehr wie die Nakba, die „Katastrophe“: die Flucht und Vertreibung von über 700.000 Menschen zwischen 1948 und 1949 und die damit verbundene Zerstörung palästinensischer Gesellschaftsstrukturen und Kultur. Seither sind wir ein staatenloses, heimatloses, in alle Himmelsrichtungen zerstreutes Volk, das die losen Fäden seiner Identität nur mit Mühe zusammenhalten kann. Allzu oft werden wir gefragt, wer denn eigentlich diese „Palästinenser“ seien, ob wir überhaupt ein „richtiges Volk“ wären – zerstreut und fragmentiert, wie wir sind, und ohne je einen eigenen Staat gehabt zu haben.

Dieses Gefühl kennen wohl nur diejenigen, deren Volk selbst in der Diaspora überleben musste, allen voran Jüdinnen und Juden. Wie bezeichnend ist es, dass unsere verfeindeten Völker gerade dieses Trauma eint. Es ist fast so, als wären wir durch unsichtbare Bänder miteinander verschlungen – im Trauma, im Kampf und im Schicksal.

So ist der Schicksalstag der Nakba, der großen palästinensischen Katastrophe, zugleich die Geburtsstunde des Staates Israel. Ein durch die Shoah zutiefst traumatisiertes Volk, das jahrtausendelang keine Heimat hatte, erlebt zum ersten Mal kollektiv das Gefühl von Sicherheit durch einen eigenen Staat. Dafür erleidet ein anderes Volk das Trauma der Heimatlosigkeit, der Vertreibung und später der Besatzung. Der Krieg in Gaza, der bereits als „zweite Nakba“ gilt, stellt ein weiteres immenses Trauma für das palästinensische Volk dar – ebenso wie der 7. Oktober für das israelische Volk.

Was tun wir nun also mit diesem Tag, mit diesem Datum? Es ist ein Tag der Freude für die einen und ein Tag der Trauer für die anderen. Vielleicht liegt gerade darin eine Chance: Wenn es uns gelingen sollte, nicht nur das Trauma der eigenen, sondern auch das Trauma der jeweils anderen Seite zu verstehen und anzuerkennen – ebenso wie die Verantwortlichkeit beider Seiten –, dann sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Dann sind wir in der Lage, einander wieder als Menschen und Individuen zu sehen, anstatt als eine gesichtslose Masse, die wir „Feind“ nennen.

Dies ist eine Utopie, auf die hinzuarbeiten sich lohnt.

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