18. Mai: Mullivaikkal Remembrance Day

Iris Rajanayagam

Der Mullivaikkal Remembrance Day findet jährlich am 18. Mai statt. An diesem Tag gedenkt die Eelam-Tamilische Diaspora weltweit dem Ende des Bürgerkriegs zwischen der Sri Lankanischen Regierung und den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE, Befreiungstiger von Tamil Eelam). Dieser begann mit dem „bloody July“ 1983 und fand am 18. Mai 2009 sein äußerst gewaltsames Ende. Der Gedenktag ist nach einem Dorf im Nordosten Sri Lankas benannt, in dem sich die letzte Phase des Bürgerkriegs unter anderem abspielte.

Über mehrere Jahrzehnte kämpfte die LTTE für ein autonomes tamilisches Gebiet (Tamil Eelam) im Norden und Nord-Osten des Landes. Die Unabhängigkeitsbewegung formierte sich als Reaktion auf die im Zuge der Dekolonisierung des Landes seit den 1950er Jahren beginnende erhebliche Diskriminierung und Gewalt gegen die Tamil*innen durch die Sri Lankanische Regierung und Gesellschaft. Diese fand einen ersten Höhepunkt in den anti-Tamilischen-Pogromen im Juli 1983, bei denen 50.000 Tamil*innen ermordet wurden und 150.000 ihre Wohn- und Geschäftshäuser verloren. Die Pogrome gelten allgemein als Beginn des Bürgerkriegs.

Am 18. Mai 2009 erklärte die Sri Lankanische Regierung den Bürgerkrieg für beendet. Bis dahin waren mehr als 70.000 Tamil*innen ermordet worden.

Die letzte Phase des Bürgerkriegs zeichnete sich durch ein hohes Maß an Gewalt von Seiten des Sri Lankanischen Militärs aus. Dieses verfolgte eine „all-out” Offensive, die zu erheblichen zivilen Todesopfern führte. Die Armee zwang etwa 300.000 Tamil*innen, in eine „no fire zone” zu flüchten, griff dann jedoch gezielt diese Zone an. Die Opfer der Angriffe waren vorwiegend Zivilist*innen. Über 146.000 Menschen gelten laut den Vereinten Nationen immer noch als vermisst. Während der letzten Militäraktion beschoss die Sri Lankanische Armee auch Krankenhäuser, führte Massenhinrichtungen durch und verübte massenhaft sexualisierte Gewalt.

Die OHCHR Investigation on Sri Lanka (OISL) berichtete hierzu:

“One of the most disturbing findings of the OISL investigation has been the extent to which sexual violence was committed […]. The patterns of commission of gross human rights violations and serious violations of international humanitarian law, the indications of their systematic nature, combined with the widespread character of the attacks all point to the possible perpetration of international crimes. These allegations must be promptly, thoroughly and independently investigated and those responsible should be brought to justice.”

Erinnerung an den Völkermord
Auf dem Campus der Universität Jaffna im Norden des Landes wurde 2019 von Studierenden ein Denkmal zur Erinnerung an die bis zum 18. Mai 2009 von der Sri Lankanischen Armee ermordeten und „disappeared“ tamilischen Zivilist*innen errichtet. Am 08. Januar 2021 wurde das Mullivaikkal-Denkmal vom Sri Lankanischen Militär abgerissen. Noch heute werden zehntausende Tamil*innen, darunter viele Studierende, vermisst. Folglich ist das Denkmal ein wichtiger Erinnerungsort gewesen.

Die Vereinigung der tamilischen Studierenden der Jaffna Universität schrieb in einer Stellungnahme zur Zerstörung des Denkmals:

„Die Zerstörung des Mullivaikkal[-Denkmals] ist der Höhepunkt des Völkermords am tamilischen Volk. […] Dieser Akt ist eine Beleidigung nicht nur für die Studenten der Universität, sondern auch für das gesamte tamilische Volk. Es ist auch ein Akt der Verweigerung des Rechts eines Volkes auf Erinnerung.”

Die Zerstörung des Denkmals rief – nicht nur bei der tamilischen Diaspora – weltweites Entsetzen hervor. Eine unmittelbare Reaktion auf den Versuch, der Unsichtbarmachung dieses Teils der Unrechts- und Gewaltgeschichte Sri Lankas entgegenzuwirken, war u. a. die Ausrufung eines Design-Wettbewerbs zur Errichtung eines Mullivaikkal-Denkmals in der Stadt Brampton nordöstlich von Toronto in Kanada (mit der größten tamilischen Diaspora weltweit). Der Wettbewerb endete im Februar 2022, und die Vorbereitungen für die Errichtung des Denkmals haben begonnen[1].

Weltweit gedenkt die tamilische Diaspora auf vielfältige Weise der im Völkermord verstorbenen Tamil*innen. In Deutschland werden in vielen Städten jährlich u. a. Gedenkfeiern am 18. Mai durchgeführt. In Berlin fand 2022 eine Gedenkveranstaltung vor dem Rathaus Neukölln statt, an der auch Women Defend Rojava und die Jugendkommune Sara Dorşin mit Wortbeiträgen teilnahmen.

Bis heute kämpft die Eelam-Tamilische Gesellschaft im Land selbst sowie in der Diaspora darum, dass die im Zuge der Zerschlagung der LTTE begangenen Gräueltaten an der Zivilgesellschaft von der internationalen Gemeinschaft als genozidal anerkannt werden. Das Verschweigen dieser Gewalt- und Unrechtsgeschichte soll gebrochen werden und zudem Aufmerksamkeit für die aktuelle Situation von Tamil*innen in Sri Lanka geweckt werden, die weiterhin Unterdrückung, Diskriminierung, Vertreibung und Gewalt durch die Sri Lankanische Regierung erleiden.

Der fortwährende, inzwischen kulturelle und soziale Genozid an der tamilischen Bevölkerung in Sri Lanka ist der internationalen Gemeinschaft immer noch weitgehend unbekannt. Versuche, eine internationale Untersuchung von Kriegsverbrechen von Seiten der Sri Lankanischen Armee im UN-Menschenrechtsrat in Genf einzurichten, blieben bis jetzt vergeblich.

 

[1] S. auch: https://tamilgenocidememorial.org/

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