Tod von Falko Lüdtke

Andrea Hanna Hünniger

Nein, Krawalle zwischen rechten und linken Jugendlichen haben den Taxifahrer Bernd P. aus Eberswalde wirklich nie interessiert. Politik ist ihm von jeher egal. Er ärgert sich höchstens, wenn er wegen einer Demonstration im Stau stehen muss.

Der Mittvierziger, Vater von zwei Kindern, lebt nach dem Grundsatz: „Ick mache meinen Job, ernähre meine Familie – und weiter jar nischt.“

An einem Mittwoch im Frühsommer, genau um 21.03 Uhr, wird der Chauffeur mit einem Teil der Eberswalder Wirklichkeit konfrontiert, den er bislang ignoriert hat. An diesem Mittwoch stürzt in der Spechthausener Straße ein junger Mann vor sein Taxi.

Falko Lüdtke, 22, prallt gegen die rechte Vorderfront des Wagens, wird hoch geschleudert, zerschlägt mit seinem Körper die Windschutzscheibe und bleibt rücklings auf der Straße liegen. Zwei Stunden später ist er tot, gestorben an einem Lungenriss.

Es ist der 31. Mai 2000 als der 22-jährige Punk Falko Lüdtke in Eberswalde (Brandenburg) von dem 27-jährigen Rechtsextremen Mike B. vor eben jenes Taxi gestoßen und von diesem tödlich erfasst wird. Noch Sekunden vor dem Zusammenprall hat sich Falko, ein Punk mit braunen Rastalocken, am Straßenrand an einer Bushaltestelle geprügelt. Er strauchelte beim Kampf gegen Mike B., einen muskulösen, über und über tätowierten 27-Jährigen mit Glatze. Falko Lüdtke stellt Mike B. wegen dessen Hakenkreuztätowierung an seinem Hinterkopf zur Rede. Als der Bus kommt, steigen sie ein und führen ihre Diskussion über Mike B.s rechte Gesinnung fort. An der Haltestelle Spechthausener Straße verlassen beide den Bus. Der Streit eskaliert und sie beginnen sich zu prügeln. Schließlich schlägt Mike B. Falko Lüdtke massiv auf den Brustkorb, infolgedessen der 22-jährige in Richtung Straße fällt. Ein vorbeifahrendes Taxi erfasst ihn mit voller Wucht: Er wird hoch geschleudert und bleibt auf der Straße liegen. Zwei Stunden später stirbt Falko Lüdtke an einem Lungenriss. Das Landgericht Frankfurt (Oder) verurteilte Mike B. im Dezember 2000 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Überdies betonte das Gericht in seinem Urteil, dass das Verhalten Falko Lüdtkes ein Akt der Zivilcourage gewesen sei und keine Provokation von Seiten des Punks ausging. Schließlich seien die Vorbehalte Falko Lüdtkes gegenüber Mike B. berechtigt gewesen, ließ er sich durch seine Hakenkreuztätowierung eindeutig der rechten Szene zuordnen.

Die rechte Szene in Eberswalde amüsiert sich derweil über einen neuen Witz: „Wie bestellt man wo ein Taxi?“ Antwort: „In England hebt man den Daumen, in den USA winkt man mit dem Arm – in Eberswalde legt man sich auf die Straße.

Mike B. ging gegen das Urteil in Revision. Der Bundesgerichtshof wertete die Tat schließlich nur noch als fahrlässige Tötung, da Mike B. ohne Vorsatz gehandelt habe. Das Strafmaß wurde daraufhin vom Landgericht Cottbus auf ein Jahr und acht Monate ohne Bewährung verringert. Obwohl der Richter in diesem Urteil noch einmal betonte, dass die rechte Gesinnung von Mike B. die Ursache der Tat gewesen sei, solle das aber nicht strafverschärfend gewertet werden.

Die meisten Bürger glauben indessen nur zu gern die erstaunliche Version der Staatsanwaltschaft, wonach der Fall gar keinen politischen Hintergrund hatte – na bitte.

Wegsehen hat in Eberswalde Tradition. Vor den Augen von drei Polizisten, die sich in einem Pförtnerhäuschen verschanzt hatten, wurde 1990 der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio von 50 betrunkenen Skinheads totgeprügelt und totgetreten – das erste Todesopfer nach der Wiedervereinigung.

Der Fall wurde auf Grundlage einer Studie des Moses Mendelssohn Zentrum aus dem Jahr 2015 nachträglich als rechte Gewalttat staatlich anerkannt.

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