15. März: Jahrestag des antimuslimischen Terroranschlags in Christchurch, 2019

Bekim Agai

Am 15. März 2019 tötete ein Rechtsterrorist bei einem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, 51 Menschen muslimischen Glaubens. Obwohl der Anschlag erst drei Jahre zurückliegt, ist er aus dem kollektiven Gedächtnis der deutschen Mehrheitsgesellschaft weitgehend verschwunden. Dabei könnte man in Deutschland, wo ein Jahr später nach dem Anschlag von Hanau auf institutioneller Ebene jeder erdenkliche Fehler im Umgang mit den Betroffenen gemacht wurde, viel von Neuseeland lernen.

Am 15. März 2019 wurden in Christchurch, Neuseeland, 51 Menschen getötet, die sich zum Freitagsgebet versammelt hatten, unter ihnen Neuseeländer*innen, Menschen mit biographischen Bezügen zu Ägypten, Bangladesch, den Fiji-Inseln, Indonesien, Jordanien, Kuweit, Pakistan, Tunesien, Somalia, Syrien, den VAE und weiteren Ländern. Der Täter streamte den Anschlag per Action-Cam live auf Facebook, für ein tatsächliches oder imaginiertes Publikum. Seine Social-Media-Aktivitäten und ein hinterlassenes „Manifest” gaben Einblick in ein verschwörungsmythisches Weltbild, dessen Kern antimuslimisch-rassistische Überzeugungen waren.

Während der Aufarbeitung des Anschlags wurde einmal mehr die enorme Vernetzung rechter Netzwerke und ihrer Referenzen sichtbar und wie weit verbreitet die Gewaltbereitschaft gegen Muslim*innen in diesen weltweit ist. Von Australien aus lässt sich die immer weiter fortschreitende antimuslimische Radikalisierung des Täters anhand seiner Reisen zu antimuslimischen Wallfahrtsorten in ganz Europa und seiner Kontakte in die rechtsextreme Szene, die er in diesen Jahren aufnahm, nachverfolgen. In den Rekonstruktionen seiner Online-Aktivitäten wird deutlich, wie Rechtspopulismus, Zuwander*innenfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus in Verbindung mit rassischen Vorstellungen einer White Supremacy global verbreitet und miteinander verbunden sind. Selbst wenn der Täter an diesem Tag allein handelte – ihn als „Einzeltäter“ zu bezeichnen, ist irreführend. Wie im Falle vieler solcher „Einzeltäter“ wurde dessen Tat durch seine Online- wie Offline-Aktivitäten in diesen hermetischen Netzwerken mit vorbereitet. Mit seinen Überzeugungen war der Täter nicht allein.

Sowohl die Chronologie seiner Social-Media-Beiträge als auch die Referenzen, die er u.a. auf den Tatwaffen hinterließ, stellen eine ganze Genealogie antimuslimischer Verweise dar, die bei den Kreuzrittern beginnt und sich über die Ehrung von Soldaten, die gegen die Osmanen gekämpft hatten, bis hin zu Rechtsterroristen erstreckt, die in der jüngeren Vergangenheit bereits Moscheen in den USA und Kanada attackiert hatten und ihre traurigen Höhepunkte in Referenzen auf den Attentäter von Utøya und den serbischen Kriegsverbrecher und verurteilten Völkermörder Radovan Karadžić findet.

Wie die rassistischen Attentäter von Utøya und Hanau schrieb der Täter ein „Manifest“, das Einblicke in die ideologischen Voraussetzungen für die Tat liefert. Was diese Manifeste und die Menschen, die sich auf sie beziehen, eint, ist die Verbindung verschiedener Rassismen mit antimuslimischen, antisemitischen und misogynen Überzeugungen.

Der Täter von Christchurch gab seinem Manifest den Titel „Der Große Austausch“. Die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“ ist eine der Hauptreferenzen rechter Gruppen weltweit. In der Mitte dieser Ideologie steht das Feindbild „Muslim*in“. Immer wieder wird auf Europa und Deutschland Bezug genommen. Der Täter konnte sich im Geiste mit vielen vereint wissen, denn diese rassistische Ideologie, die besonders Muslim*innen ins Visier nimmt und ihre bloße Existenz mit der Gefahr eines „Volkstods“ europäischer Gesellschaften und einer „Umvolkung“ der „weißen Rasse“ in Zusammenhang bringt, diese Ideologie vereint auch in Deutschland die Neue Rechte mit Rechtsterrorist*innen. Ideologische Verbindungslinien, die heute bis in die Landtage und den Bundestag reichen.

Neuseeland mag geografisch weit weg sein, aber da der Anschlag sich ausschließlich gegen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte richtete, hier dezidiert Muslim*innen, war er für viele Muslim*innen in Deutschland und andere von rassischer Gewalt Betroffene ein einschneidendes Erlebnis. Die Gewalt war weitaus näher an ihrer eigenen Lebenswirklichkeit, als dies die geographische Entfernung vermuten lassen könnte: Der Anschlag reiht sich für Muslim*innen in Deutschland in eine lange und schmerzhafte Gewaltgeschichte ein. Er ist für sie verbunden mit der (lange Zeit weitgehend ignorierten) Bedrohungslage von Muslim*innen und anderen BiPoC, die sich seit den frühen 90er Jahren, seit den Morden und gewaltvollen Übergriffen von Solingen/Mölln, nicht abgeschwächt hat. Im Gegenteil: Sei es durch den Mord an Marwa El-Sherbini in einem deutschen Gericht, durch die Gewalt des NSU, oder die jüngsten Anschläge von Halle und Hanau – die Bedrohungslage ist aktuell und akut. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Anfeindungen und tätlichen Übergriffen auf Menschen, Moscheen oder Friedhöfe. All das gehört zu dem Komplex des antimuslimischen Rassismus, einer Diskriminierungsform, die erst seit kurzer Zeit als gesamtgesellschaftliches Problem adressiert wird. Aus muslimischer Perspektive wurde das Gefahrenpotential von antimuslimischem Rassismus für Muslim*innen in Deutschland bis zuletzt politisch unterschätzt. Es war ein langer Weg zur Aufnahme antimuslimischer Straftaten in die Kriminalstatistiken und ein langer Weg, bis nach dem Attentat von Hanau ein Innenminister das erste Mal von antimuslimischem Rassismus als Problem sprach.

Der Terroranschlag war angesichts der gefühlten Verbundenheit mit den Opfern aber auch ein Moment, in dem viele Muslim*innen sich eine stärkere Identifikation der nichtbetroffenen deutschen Öffentlichkeit mit den Opfern gewünscht hatten. Eine hörbare Kritik war, dass man sich mehr öffentliche Anteilnahme, beispielsweise in Form von offiziellen Schweigeminuten, gewünscht hätte. Muslim*innen und mit ihnen solidarische Menschen stellten sich die Frage, ob die öffentliche Anteilnahme anders ausgefallen wäre, wären die Opfer nicht muslimische Migrant*innen gewesen. Auf den Social-Media-Plattformen wurden die Attentate unter Muslim*innen in Deutschland deutlich stärker und deutlich länger rezipiert, während sie für die Mehrheitsgesellschaft schon bald wieder in Vergessenheit gerieten.

Wie eine vielfältige Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen Betroffenheiten mit einem solchen Ausmaß von gruppenbezogener Gewalt umgehen kann, ist eine Frage, die über dieses konkrete Ereignis hinausgeht. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, eine Sprache zu finden, die sich gegen Opferkonkurrenz, Relativierung und politische Instrumentalisierung verwehrt. In diesem Fall ist es mir ganz persönlich wichtig, dass alle eine gemeinsame Verantwortung dafür tragen, diskursive Radikalisierungen überall zu verhindern und sich deshalb niemand seiner Verantwortung für die Ideen von „Einzeltätern“ entziehen kann.

Der Balanceakt einer gemeinsamen Erinnerung an das Ereignis, der dennoch die besondere Situation der direkt Betroffenen berücksichtigt, scheint in Neuseeland gelungen. In Neuseeland wurde beispielhaft gezeigt, wie es einer Einwanderungsgesellschaft gelingen kann, nicht zu verwischen, dass die Opfer aus einer konkreten Gruppe sind und zugleich dafür Raum zu schaffen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft ihrer Betroffenheit Ausdruck verleihen können. Dieser Umgang wurde auch von muslimischen Organisationen in Deutschland gewürdigt. Premierministerin Arden betonte, man sei stolz auf das, was der Täter ablehnte, eine Gesellschaft der Vielfalt, und brachte die Verbundenheit aller Neuseeländer*innen mit den Opfern zu Ausdruck. „They are us” wurde ein Slogan, mit dem man sich der Negierung der Zugehörigkeit der Opfer zur neuseeländischen Gesellschaft entgegenstellte. Es ging bei diesem Statement der Premierministerin nicht nur darum, Empathie mit den Opfern zu zeigen oder sich zu ihnen zugehörig zu erklären. Sie wählte bewusst kein „Je suis…” oder „Heute sind wir alle…“, also die Gleichsetzungen, die auch in vorherigen Fällen durch von Rassismus Betroffenen kritisiert wurden, da eben niemand über ein Statement die Bürde von Rassismus mittragen kann, der nicht davon betroffen ist. Mit dem Statement „They are us!” wurden die Betroffenen ins gemeinsame Wir geholt. Genau das hatte ja der Täter nicht akzeptieren wollen. Auf symbolischer Ebene wurde die Identifikation mit den Betroffenen teilweise durch das demonstrative Tragen eines Kopftuches bei Veranstaltungen durch Neuseeländerinnen nach außen getragen, u.a. der Premierministerin.

Dies sind Eindrücke und Gesten, die dem Augenblick geschuldet waren, Bilder und Statements, die einige Tage lang um die Welt gingen. Längerfristig wirksam bleibt, dass man nach der Tat in Neuseeland konsequent nicht den Namen des Täters erwähnte und Medien ihn im Prozesszusammenhang nur verpixelt darstellten, um ihm nicht die Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, die er sich durch die Tat erhoffte – ein Ansatz, der auch in Deutschland Einzug hielt. Was das öffentliche Gedenken in Neuseeland angeht, werden die Betroffenen bis heute einbezogen. Auch dieses Jahr, zum dritten Jahrestag des Anschlags, wurden die Angehörigen der Opfer nach ihren Bedürfnissen gefragt. Von dieser konsequenten Ausrichtung des Gedenkens an den Bedürfnissen derer, die unter dem Anschlag in erster Linie zu leiden hatten, sollten wir ebenfalls lernen.

Auch wenn es in der Folgezeit Nachahmer gab, die sich in ihren Gewalttaten gegen Muslim*innen, aber auch Jüdinnen*Juden, auf den Attentäter bezogen, gab es auf der anderen Seite auch viel Solidarität, aus der neue Allianzen entstanden. In der Bewältigung des Ereignisses waren die Angehörigen der Opfer nicht allein. Von privater und staatlicher Seite gab es Unterstützung. Bemerkenswert ist hier die Unterstützung der Jewish Federation of Greater Pittsburgh (650.000 Dollar), die ihrerseits ihre Dankbarkeit und Verbundenheit mit den Muslimen ausdrücken wollte, die die Jüdische Gemeinde von Pittsburgh unterstützte, nachdem bei einem antisemitischen Angriff auf eine Synagoge im Jahr zuvor 11 Jüdinnen*Juden ermordet wurden. Das Weltbild der beiden Täter wies Parallelen auf, aber Menschen werden eben nicht nur über den Hass miteinander verbunden, sondern auch über Empathie und Solidarität. Die Verbindung von Betroffenen rechtsextremistischer Gewalt und die Entstehung von Netzwerken der Unterstützung füreinander ist nicht nur ein Zeichen, sondern eine wichtige Handlungsoption, um eine breite Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass die Phänomene miteinander in Verbindung stehen – und um sie zum Handeln zu bewegen.

Auch die Diskussion über die Gefahr der Radikalisierung in digitalen Räumen und die Verantwortung der Betreiber*innen von Social-Media-Plattformen erhielt in Neuseeland Auftrieb. Der Terroranschlag zeigte, dass antimuslimischer Rassismus keine isolierte persönliche Meinung einzelner, sondern neben Antisemitismus und Misogynie ein Kernelement rechtsextremer rassistischer Ideologien mit großer Anschlussfähigkeit ist, die immer wieder zu extremen Gewalttaten führen und auch in Zukunft führen werden, wenn ihnen nicht entschlossen entgegengetreten wird. Wir müssen der Betroffenenperspektive Raum geben. Betroffene spüren viel früher die Bedrohung im Alltag. Wie bei anderen Formen des Rassismus müssen wir Sprache auch bei antimuslimischem Rassismus als ein Frühwarnsignal begreifen. Wir müssen genau hinhören, damit Worten nicht Taten folgen können.

 

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