6. August: Hiroshima Gegdenkta

Marko Dinić

Der sogenannte Historiker*innenstreit 2.0, in dem vonseiten überwiegend westlicher Akademiker*innen eine neue Singularitätsdebatte rund um die Shoah angestoßen wurde, lässt einiges an Genauigkeit vermissen, wenn es um den Begriff der Singularität als solchen geht.

Schon Hannah Arendt wusste um die Problematik, die sich eines Tages um den Singularitätsbegriff entspinnen würde. Aus diesem Grund polemisierte sie in ihrem kontrovers-gerühmten Buch Eichmann in Jerusalem gegen selbigen, weil er in ihren Augen die Menschheit der Vorstellung beraube, dass ein Verbrechen solchen Ausmaßes sich wiederholen könne: Was singulär, also einzig ist, bleibt es auch. Daraus zieht sich ein fataler Schluss bzw. eine Schwierigkeit für die Aufarbeitung dieser Verbrechen. Stattdessen plädierte Arendt für den Begriff der Beispiellosigkeit, da er nicht nur präziser sei, sondern sich in ihm die Möglichkeit eines solchen Massenverbrechens als Mahnung für die Zukunft fortschreibe: Etwas Beispielloses muss nicht zwangsläufig beispiellos bleiben.

Mitunter mag die Komplexität dieser Begriffsdebatte und der Aufruhr, den sie verursacht, dazu geführt haben, dass über ein anderes an den Zweiten Weltkrieg geknüpftes, beispielloses Verbrechen beharrlich geschwiegen wird. Ob es an der Tatsache liegt, dass dieses Verbrechen vonseiten der alliierten USA begangen wurde, oder – anders als bei der Shoah – ihm die rassische Komponente fehlt, sei – für einen Augenblick zumindest – dahingestellt: Denn die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki stehen insofern in einem Zusammenhang mit der Shoah, als dass beide Verbrechen den Anfang (und eben nicht das Ende, was der Begriff der Singularität suggerieren möchte) einer Tendenz hin zum massenhaften, technisierten Töten markieren, in dem sich das Moment des Nicht-Wiedergutzumachenden selbst vorwegnimmt. Schon Adorno machte in seinem Werk Erziehung nach Auschwitz darauf aufmerksam, „dass die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hingehört wie der Völkermord.“

Die Aufgabe eine pluralistischen Erinnerungskultur wäre demnach, konsequent auf diese Verbindungen aufmerksam zu machen, um dementsprechend nicht nur die Erinnerung an diese Verbrechen lebendig zu halten, sondern auch um einer Gegenwart, in der die atomare Vernichtungsgefahr größer ist als zu Zeiten Hiroshimas, eine permanente Mahnung zu sein.

 

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