Erster CSD in Deutschland, Münster

Andrea Hanna Hünniger

„Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden und wie Menschen behandelt werden!“ Die provokante Forderung stammt aus Rosa von Praunheims Skandalfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von 1971. Geschrieben hat sie der Drehbuchautor und spätere Frankfurter Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, einer der wichtigsten Mitbegründer der deutschen Schwulenbewegung.

Ein Jahr nach Uraufführung des umstrittenen, für den WDR gedrehten Film, folgt der damals 30-jährige Praunheim-Mitstreiter Dannecker einer Einladung der Homosexuellen Studentengruppe Münster (HSM). Zusammen mit allen bereits existierenden Homosexuellen-Gruppen plant die HSM in der erzkonservativen westfälischen Bischofsstadt die Gründung eines deutschen Dachverbandes. Am 29. April 1972 endet das Treffen mit einem historischen öffentlichen Ereignis: der ersten Schwulen-Demonstration in Deutschland.

Die perverse Situation der Homosexuellen beginnt schon mit der Gründung der Bundesrepublik. Denn der infame § 175 des Nazi-Strafrechts, der im Dritten Reich Tausende das Leben gekostet hat, geht 1949 unverändert ins Strafgesetz der Bundesrepublik ein. Selbst das Bundesverfassungsgericht bestätigt ihn 1957: „Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt eindeutig gegen das Sittengesetz.“ Erst 1969 streicht die sozialliberale Koalition die Strafandrohung für Homosexualität unter erwachsenen Männern. Von gleichgeschlechtlichem Sex unter Frauen wird noch nicht gesprochen.

Die meisten Deutschen verurteilen Homophilie allerdings weiter als perverse Verirrung. Schwule müssen deshalb unverändert ein Doppelleben führen oder sich mit einer verachteten Existenz am Rand der Gesellschaft abfinden. „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“, bringt CSU-Chef Franz Josef Strauß 1970 auf einem CDU-Parteitag unter großem Gelächter Volkes Stimme auf den Punkt. Doch in New York hat kurz zuvor ein Ereignis stattgefunden, das den schwul-lesbischen Kampf auch in Deutschland nachhaltig prägt. Dort wehrten sich im Juni 1969 in der Christopher Street erstmals Homosexuelle mit tagelangen Demonstrationen gegen schikanöse Razzien der Polizei.

In der Bundesrepublik ist die politisierte Student*innenschaft Keimzelle des schwulen Protests. Auch bei dem Treffen 1972 in Münster wird der Kampf gegen Ausgrenzung als Teil des gesamtpolitischen Engagements gegen die bürgerlich-kapitalistischen Strukturen in der BRD propagiert. „Brüder und Schwestern, ob warm oder nicht, den Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht“, schreibt Martin Dannecker deshalb auf sein Transparent bei der ersten Schwulen-Demo, die am 29. April mitten in den Münsteraner Einkaufstrubel platzt.

Die Kundgebung der einigen Dutzend zumeist männlichen Teilnehmer erregt zwar großes Aufsehen, geht aber friedlich über die Bühne. Doch trotz der sexuellen Revolution steht der Bewegung noch ein langer Marsch bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz und offen demonstrierter „Gay Pride“, also queerem Stolz, bevor. Noch in den 80ern können Städte mit richterlichem Segen Info-Stände homosexueller Gruppen wegen angeblicher Jugendgefährdung verbieten. Erst in den 90er-Jahren beginnt die Tradition der schrill-bunten Paraden zum Christopher Street Day, die inzwischen, etwa in Köln, als eine Art schwuler Sommer-Karneval Hunderttausende Zuschauer*innen jeder sexuellen Orientierung anziehen.

„Ich bin schwul, und das ist auch gut so“, erklärt der SPD-Politiker Klaus Wowereit 2001. Der Ausbruch von Lesben und Schwulen aus der Isolation scheint also gelungen, die Angst vor Diskriminierung überwunden. Und doch hat es bis heute kein aktiver deutscher Fußballprofi gewagt, sich als Homosexueller zu outen – wahrscheinlich aus naheliegendem Grund. Die Stigmatisierung und Rollenzuschreibungen Homosexuellen gegenüber sind nach wie vor verbreitet. Sie sind nach wie vor als „die anderen“ gesellschaftlich randständig.

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