22. März: Errichtung des ersten Konzentrationslagers bei Dachau

Marko Dinić

Neben den ehemaligen Vernichtungslagern im heutigen Polen (Sobibor, Treblinka, Blezec, Kulmhof, Majdanek, Auschwitz) steht kaum ein anderes Lager innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystems sinnbildlich für die an der Bevölkerung Europas begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie jenes in der bayerischen Kleinstadt Dachau gelegene, wenige Wochen nach der Machtergreifung errichtete, erste Konzentrationslager der Nazis.

Im Jahr 2023, also neunzig Jahre nach dessen Errichtung, strahlt das zynische Wesen dieses Lagerkomplexes bis in die Gegenwart, wo es sein trauriges Äquivalent in Lagern wie Omarska, Lora, Trnopolje, den Konzentrationslagern Nord-Koreas oder in den sogenannten „Umerziehungslagern“ von Xinjiang findet. Zunächst als Lager für politische Häftlinge gedacht, entwickelt sich das Konzentrationslager Dachau mit seinen 169 Außenlagern zwölf Jahre lang zu einem von der SS geschaffenen „Staat im Staat“, in dem für die aus über 40 Ländern kommenden Häftlinge eigene „Gesetze“ gelten. Die am ehemaligen Lagerkomplex gelegene Gedenkstätte führt bis zu 200.000 Todesopfer an. Obgleich das Konzentrationslager Dachau in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht als Vernichtungslager angeführt wird, gilt es zu betonen, dass während seines Bestehens im Lager das Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“ galt. In den nach dem Sieg über Nazi-Deutschland geführten Dachauer-Prozessen waren 1.672 Personen angeklagt (u. a. auch jene, die in anderen Konzentrationslagern wie Mauthausen, Flossenbürg, Dora-Mittelbau oder Buchenwald Verbrechen verübten), von denen zwei Drittel bis Ende der 1950er Jahre aus der Haft entlassen wurden.

Dass in Deutschland Aussagen wie jene von Marko Martin: „Es gibt kein Blut in deutschen Gassen, weil die deutschen Juden wurden ermordet in Teilen Osteuropas und sie sind in Rauch aufgegangen“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nickend und unwidersprochen zur Kenntnis genommen werden, ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Rolle von Lagerkomplexen wie Dachau bei der Vernichtung der europäischen Jüdinnen*Juden in öffentlichen, erinnerungskulturellen Debatten kaum Erwähnung findet. Dennoch ist sich die Forschung diesbezüglich einig: Gerade nach dem 9. November 1938 diente das Konzentrationslager Dachau als Sammellager für Jüdinnen*Juden aus Deutschland, die von hier aus in die Vernichtungslager gen Osten abtransportiert wurden – wenn sie nicht vorher den Tod im Konzentrationslager Dachau fanden. Auf einer Tafel am Gelände der Gedenkstätte Dachau steht jedenfalls auf Jiddisch geschrieben: Kejnmol mer – Nie wieder.

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