23. Februar: Ermordung Blanka Zmigrods durch einen Rechtsterroristen in Frankfurt am Main

Benjamin Fischer

Am 23. Februar 1992 wurde Blanka Zmigrod mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe von einem schwedischen Neo-Nazi an der Kreuzung Kettenhofweg/Niedenau in Frankfurt am Main getötet. Ihre Geschichte und die Art und Weise, wie sie in Erinnerung gehalten wird, führen uns deutlich vor Augen, dass es in Deutschland und in Europa eine anhaltende rechte Gewalt gibt. Der Fall zeigt uns auch, wie sich eine solche Tat auf marginalisierte Gruppen auswirkt und nicht zuletzt, wie wichtig es ist, Mittel für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Hier und Jetzt zu finden.

Zmigrod, die 1924 als Kind einer jüdischen Familie in Polen geboren wurde, hat vier Konzentrationslager überlebt – darunter auch Auschwitz. Nach der Schoah wanderte sie
nach Israel aus, entschloss sich aber 1960 zu Familienmitgliedern ins Frankfurter Westend zu ziehen. Sie fasste dort Fuß, verliebte sich und machte sich selbständig. 1991 nahm sie eine Stelle in einem Restaurant an, das sie auch in der Nacht verließ, in der sie erschossen wurde. Der Mörder hieß John Ausonius. Später würde man ihn den „Lasermann“ nennen, weil er in Schweden elf rassistische Überfälle und Morde begangen hatte, wobei er sich eines Gewehrs mit Laserzielvorrichtung bediente. Trotz Zmigrods Identität und der auf ihrem Handgelenk eintätowierten Häftlingsnummer fand das Gericht keinerlei Belege für eine antisemitisch motivierte Tat. Der Täter behauptete, er habe irrtümlich angenommen, dass sie seinen Computer gestohlen hat. Zwei Tage vor dem Mord hatte Ausonius sich mit Zmigrod in dem besagten Restaurant gestritten. Dabei hatte er sie wegen ihres osteuropäischen Akzents beleidigt. Er wurde erst 2017 nach Deutschland ausgeliefert und vor Gericht gestellt. 2018 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Jahre später bezog sich der Attentäter, der 2011 die Angriffe auf Utoya verübt hatte, in seinem Manifest auf den Neo-Nazi Ausonius. Rechtsextremist*innen auf dem ganzen
Kontinent trugen jahrelang T-Shirts, auf denen sie ihn und seine rassistische Mordserie bejubelten – und das lange bevor ihm der Prozess gemacht wurde. Die erschütternde
Ähnlichkeit zu den als NSU-Morde bekannten Verbrechen in Deutschland weist darauf hin, dass Ausonius Taten eine Blaupause für den rechten Terror geliefert haben.

Erst 26 Jahre nach ihrer Ermordung ist der jüdischen Gemeinde in Frankfurt und Zmigrods Familie Gerechtigkeit widerfahren – zu öffentlichen Trauerbekundungen kam es so gut wie nie. Das war erst der Fall, als der jüdische Student und Aktivist Ruben Gerczikow 2020 eine Initiative startete, um die Erinnerung an Zmigrod wachzuhalten, das Trauma der Gemeinde anzusprechen und öffentlich Gerechtigkeit zu fordern. Eine Petition auf change.org erhielt etwa 40 000 Unterschriften und ein Protestmarsch in Gedenken an Zmigrod legte die bestehenden offenen Wunden der jüdischen Gemeinde in Frankfurt auf. Gerczikow lancierte die Petition mit der Forderung, am Ort des Verbrechens solle eine Gedenktafel für Zmigrod errichtet werden. Sie sollte zugleich die politische Aufmerksamkeit auf das Trauma der Gemeinde richten sowie den europäischen Naziterror gegen migrantisierte Gemeinschaften und eine Überlebende der Shoah fokussieren. Gäbe es diese Formen des Aktivismus nicht, wäre auch dieses Geschehnis, wie so viele andere, im öffentlichen Diskurs unerwähntgeblieben. Daher räume ich Gerczikow und seinen Mitstreiter*innen meinen Respekt ein. Blanka Zmigrods Familie und der Familie eines jeden Opfers der abscheulichen Mordtaten von Ausonius spreche ich mein tiefstes Beileid aus. Möge uns die Erinnerung an sie ein Segen
sein.

Blanka Zmigrod, unvergessen!

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