1.–2. Juni: Der Farhud

Benjamin Fischer

Das irakische Judentum, das bis auf das Jahr 586 v. Chr. und die Zeit der Babylonischen Gefangenschaft zurückgeht, ist die älteste jüdische Gemeinschaft der Welt außerhalb des heutigen Staates Israel. Der Irak ist insofern fester Bestandteil der jüdischen Geschichte, das Judentum fester Bestandteil der irakischen Geschichte und das eine lässt sich nicht ohne das andere verstehen. Doch korrekterweise muss es heißen, dass das irakische Judentum die älteste jüdische Gemeinschaft der Welt war, denn schon seit Jahrzehnten lebt dort so gut wie niemand mehr, der imstande wäre, die alte Liturgie und die reiche Kultur des irakischen Judentums lebendig zu halten. Den Bruch des jüdisch-araischen Zusammenlebens bezeichnet das Datum des 1. und 2. Juni 1941. Kurz nach der Kapitulation der pro-nazistischen irakischen Regierung kam es damals während des Schawuotfestes zum Pogrom an der jüdischen Bevölkerung von Bagdad, das als „Farhud“ (arabisch für „gewalttätige Enteignung“) in die Geschichte eingegangen ist. 

Zu der Zeit lebten etwa 135.000 Jüdinnen*Juden, 3 Prozent der Gesamtbevölkerung, im Land, rund 90.000 von ihnen in Bagdad, 10.000 in Basra und die übrigen verteilt auf viele Kleinstädte und Dörfer. Mit Gründung des irakischen Staates unter britischem Mandat im Jahr 1921 erhielten Jüdinnen*Juden erstmals das volle Wahlrecht und ihr Status von gleichberechtigten Staatsbürgern blieb auch nach der irakischen Unabhängigkeit im Jahr 1932 erhalten. Das änderte sich erst, als im April 1941 Rashid Ali al-Gailani gemeinsam mit hochrangigen Offizieren und mit Unterstützung des Muftis von Jerusalem eine pro-nazistische Regierung bildete in der Annahme, ein Sieg der Achsenmächte würde zur vollständigen Unabhängigkeit des Irak führen. Bei der Zurückeroberung des Irak ließen die Briten 1941 zunächst irakische Truppen in das eroberte Bagdad einmarschieren, wo die Jüdinnen*Juden der Stadt – die glaubten, ihre Unterdrückung habe mit der Kapitulation der pro-nazistischen Regierung ein Ende gefunden – das Erntedankfest feierten. In den folgenden Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinde wurden knapp 200 Menschen getötet und mehr als 600 verletzt, auf den Straßen von Bagdad kam es zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Noch nie zuvor hatte es einen solchen Gewaltausbruch gegen die jüdische Bevölkerung, einschließlich Frauen und Kindern, gegeben. Das Pogrom bezeichnete einen tiefen Einschnitt und leitete das Ende der mehr als 2000-jährigen Geschichte jüdischen Lebens in dieser Region ein. Von den einigen Tausend Jüdinnen*Juden, die bis 1951 das Land noch nicht verlassen hatten, wurden durch die Luftbrücke „Operation Esra und Nehemia“ etwa 130.000 nach Israel geholt. Ali al-Gailani ging ins Exil, besuchte das Konzentrationslager Sachsenhausen, arrangierte ein persönliches Treffen mit Hitler und distanzierte sich auch lange nach Ende des Zweiten Weltkrieg nicht von der NS-Ideologie. Nach seinem gescheiterten Putschversuch in Saudi-Arabien wurde er zwar 1958 zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt und lebte bis zu seinem Tod 1965 in Beirut.

In der Erinnerung gilt der Farhud heute sowohl als einer der vielen Judenpogrome während des Holocausts als auch als Ausdruck des kollektiven Traumas der jüdischen Gemeinschaft im Irak und ihrer Entwurzelung. Die Bedeutung dieses Gedenkens erstreckt sich darüber hinaus aber auch auf die Erinnerung an die tragische Geschichte der mizrachischen Jüdinnen*Juden im Allgemeinen.

Es wäre sicherlich falsch, das jüdisch-muslimische Zusammenleben im Irak und in der MENA-Region zu romantisieren, aber bis zu dem in den 1950er-Jahren einsetzenden Exodus von 850.000 Jüdinnen*Juden aus der arabischen Welt gab es in vielen dieser Länder eine unverkennbare jüdisch-arabische Identität. Auch meine Großeltern mussten in dieser Zeit Tunesien in Richtung Israel verlassen. Bis zu ihrem Tod sprachen sie davon, eines Tages noch mal nach Tunis zu reisen. Ihre Muttersprache war Arabisch, und obwohl sie in Israel lebten, war es für sie selbstverständlich, auch mit ihren Kindern Arabisch zu sprechen.

Während ich dies schreibe, am letzten Maitag, erscheinen zahllose Meldungen in meinem Newsfeed über ein soeben im Irak verabschiedetes Gesetz, wonach Kontakte zu Israelis künftig unter Strafe gestellt werden können – bis hin zu lebenslanger Haft oder gar dem Tod. Vielleicht ist heute ein guter Tag, um uns daran zu erinnern, dass es einmal eine große jüdische Gemeinde im Irak gab, denn sie scheint nicht nur vergessen, sondern vielleicht für immer von dort verschwunden zu sein.

 

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