Brandanschlag in Duisburg

Bengü Kocatürk-Schuster

Im August 1984 brannte ein Wohnhaus in einem migrantischen Viertel Duisburgs, in dem ausschließlich Migrant*innen aus der Türkei und dem ehemaligem Jugoslawien wohnten. In der Nacht vom 26. auf den 27. August kamen sieben Mitglieder der Familien Satır und Turhan dabei ums Leben. Viele weitere Familienmitglieder sowie weitere Bewohner*innen wurden zum Teil schwer verletzt. Zwei Mitglieder der Familie Satır konnten sich nur durch einen Sprung vom zweiten Obergeschoss das Leben retten. Das Leben veränderte sich von einem Tag auf den anderen und der Anschlag bestimmt bis heute das Leben der Überlebenden und Angehörigen.

Durch einen Zufall erfuhren Aktivist*innen 2018 über den Brandanschlag in Duisburg. Ihre tiefergehenden Recherchen und Analysen der historisch-gesellschaftspolitischen Diskurse der 1980er Jahre deckten sehr viele Ungereimtheiten, Hinweise auf Rassismus, eine fehlende Aufklärung und Aufarbeitung auf. In Folge gründete sich 2018 die Initiative Duisburg 1984.

Duisburg 1984 wurde nach kurzer Zeit vergessen – vergessen gemacht. 1994 wurde in Duisburg eine Unterkunft für Geflüchtete angezündet. Bei den Ermittlungen zu diesem Fall wurde erst zehn Jahre später eine Frau festgenommen, die auch den Brand 1984 gelegt zu haben gestand. Sowohl 1984 als auch 1994 kam es zu schwerwiegenden strukturellen Versäumnissen, Hinweise auf Rassismus zu berücksichtigen und einem politischen Motiv auf den Grund zu gehen. Die Täterin wurde als Pyromanin in eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen eingewiesen.

Diese bezeichnende Ignoranz wurde für die Familien in den Folgejahrzehnten eine Lebensrealität. Die Überlebenden und Angehörigen waren 35 Jahre mit ihren körperlichen und psychischen Schmerzen, Überlebenskämpfen sowie Ängsten ihrem Schicksal überlassen – ihnen wurde weder zugehört noch geglaubt oder geholfen.

Die erste würdige Erinnerung an die Opfer fand 2019 statt, 35 Jahre nach der Tat. Die Jahrzehnte des Schweigens hatten hiermit ein Ende. Die betroffenen Familienmitglieder trauen sich seit Gründung der Initiative, laut über Rassismus zu sprechen. Gemeinsam mit den Betroffenen wurden Gedenken und Veranstaltungen organisiert sowie durch unterschiedliche Formate wie Film, Podcast, Publikationen, Ausstellungen, Webdokumentation auf Duisburg 1984 aufmerksam gemacht. So konnte auch auf rassistische Strukturen in der Gesellschaft hingewiesen werden.

Erst durch aufrichtiges Zuhören der Betroffenenperspektiven und durch zivilgesellschaftliche Selbstorganisierung gelang eine Auseinandersetzung und Sensibilisierung sowie die Verankerung einer würdevollen Gedenkkultur in Duisburg. Als Zeichen der politischen Anerkennung wurde am 26. August 2023 eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus (Wanheimer Str. 301) der Familien eingeweiht. Diese Gedenktafel soll an die Opfer des rassistischen Brandanschlags Ferdane, Çiğdem, Ümit und Songül Satır sowie Zeliha, Rasim und Tarık Turhan erinnern und mahnend in die Zukunft wirken.

Hiç unutmadık, hiç unutmayacağız!

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