03. Oktober: Bootsunglück von Lampedusa

Anja Fahlenkamp

Am 3. Oktober 2023 jährt sich zum zehnten Mal die Erinnerung an das tragische Bootsunglück vor Lampedusa, das die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf das Mittelmeer als Schauplatz von Flucht, Migration und Tod richtete und den hohen Preis, den die Festung Europa einfordert, verdeutlichte.

Am 3. Oktober 2013 geriet vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa ein Kutter in Seenot und sank schließlich. An Bord befanden sich etwa 545 Menschen, die aus Somalia und Eritrea geflüchtet waren. Eine größere Zahl von ihnen war auf der Flucht durch Libyen von Milizen und Schleppern gefangen genommen und in ein Internierungslager in Sabha eingesperrt worden, wo sie um Lösegelder erpresst, gefoltert und vergewaltigt worden waren. Anders als andere überlebten sie die Tortur und bestiegen schließlich unter Zahlung hoher Schleppergebühren in der libyschen Hafenstadt Misrata ein Boot in der Hoffnung, nach Europa zu gelangen und hier endlich ein Leben in Sicherheit und Würde leben zu können. Doch das Mittelmeer zeigte sich an diesem Tag grausam, und so verlor die Mehrzahl der Menschen an Bord ihr Leben, als das Boot in Sichtweite der Küste von Lampedusa sank; 366 Körper wurden geborgen und beerdigt. Gegen die Überlebenden leitete die italienische Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren wegen illegaler Einwanderung ein.

Grausam war das Mittelmeer auch einige Tage später, am 11. Oktober 2013, als sich ein weiteres tragisches Bootsunglück ebenfalls vor Lampedusa ereignete. Diesmal war es ein Boot, dass von der libyschen Stadt Zuwarah abgelegt hatte und mit etwa 400 Geflüchteten aus Syrien nach Europa unterwegs war. Doch grausamer noch als das Mittelmeer und offenbar unbeeindruckt von dem tragischen Unglück, das sich kaum eine Woche zuvor ereignet hatte, war die italienische Küstenwache: Nachdem Wasser in das Boot eingedrungen war, rief einer der Geflüchteten an Bord mehrmals die italienische Seenotleitstelle an, die jedoch darauf verwies, dass das Boot sich in der maltesischen Seenotrettungszone befinde und man daher nicht verantwortlich sei. Als nach mehreren weiteren verzweifelten Anrufen und Stunden ein maltesisches Patrouillenboot schließlich die Unglücksstelle erreichte, war das Boot bereits gekentert. Weitere Zeit verging, bis schließlich auf maltesische Bitte hin das italienische Kriegsschiff IST Libra, das sich den ganzen Tag ohne einzuschreiten bereits in der Nähe des Unglücks befunden hatte, zur Rettung beordert wurde. In der Zwischenzeit waren bereits über 200 Menschen ertrunken, darunter 60 Kinder. Im Januar 2021 entschied die UN-Menschenrechtskommission OHCHR, dass die Libra früher hätte einschreiten müssen und dass Italien die Familien der Opfer entschädigen solle.

Dass das Mittelmeer einen Schauplatz von Flucht und Erbarmungslosigkeit darstellt, ist keine neue Entwicklung. Nach dem 2. Weltkrieg versuchten Tausende jüdische Holocaustüberlebende, darunter mein Großvater Jacob, mit Booten von den Küsten Südeuropas nach Palästina zu gelangen. 1946 leiteten die Briten die Operation Igloo ein, um jüdische Geflüchtete, die versuchten, unerlaubt in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina einzureisen, vor der Küste der Hafenstadt Haifa abzufangen. Die Aufgegriffenen wurden sodann in Internierungslager auf Zypern deportiert. Die Lager waren bald überfüllt waren und es herrschten dramatische humanitäre Zustände. Daraufhin startete die britische Operation Oasis, mit der die Geflüchteten statt nach Zypern wieder auf das europäische Festland zurücktransportiert wurden. Am bekanntesten ist natürlich der Fall des Flüchtlingsschiffs Exodus 1947 mit rund 5000 jüdischen Holocaustüberlebenden an Bord, die gewaltsam an der Schiffseinreise nach Palästina gehindert und von den Briten zynischerweise in ein Internierungslager nach Deutschland verbracht wurden.

Die Geschichte lehrt uns, dass weder grausame Meere, noch hohe Mauern, erbarmungslose Politik oder Berichte über tausende und abertausende Todesopfer Menschen daran hindern können oder werden, aus bedrohlichen Lebenslagen zu fliehen und Zuflucht an sichereren Orten zu finden; nicht zuletzt um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Das fühlte mein Großvater vor 77 Jahren genauso wie die hunderttausenden Menschen, die weiterhin jedes Jahr über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Allein dieses Jahr sind auf diese Weise etwa 186.000 Menschen an die europäische Mittelmeerküste gelangt, davon über 130.000 nach Italien, der Rest nach Griechenland, Spanien, Zypern und Malta. Zwischen dem 1. Januar und 24. September dieses Jahres sind offiziell mindestens 2.500 Menschen auf dieser Reise ums Leben gekommen oder wurden vermisst gemeldet; die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

Es scheint fast so, als ob Europa sich in den letzten zehn Jahren leider nicht besonders weit bewegt und nicht viel aus den unzähligen Tragödien gelernt hat. Lampedusa bleibt, wie schon vor zehn Jahren, Zielhafen von Flüchtlingsbooten. Die Behörden der Insel, deren Auffanglager aus allen Nähten platzen, versuchen die Geflüchteten an anderen Orten unterzubringen, während die EU-Mitgliedstaaten immer noch darüber streiten, wie Schutzsuchende fair innerhalb der EU zu verteilen wären. Das tragische Bootsunglück am 14. Juni 2023 nur wenige Meilen vor der griechischen Halbinsel Peloponnes mit über 500 Ertrunkenen ist eines der jüngsten, die sich in die lange Reihe von tödlichen Tragödien reihen. Die unzähligen Menschen, deren Körper nicht gefunden wurden, gesellen sich zu den Opfern des Unglücks vor Lampedusa vom 3. Oktober 2013 auf den Meeresgrund – wie viele müssen es noch werden, bevor Europa sich eines Besseren besinnt und dem Sterben im Mittelmeer ein Ende bereitet?

 

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