6. Mai 1945: Das Konzentrationslager Ebensee in Österreich und die Befreiung

Sarah Grandke

Ebensee, ein kleiner Ort am Traunsee in den oberösterreichischen Alpen, ist heute für die vielen Tourist*innen ein Ort zum Entspannen, zum Wandern und, im Sommer zum Baden. Ebensee ist jedoch mehr: dort hielten die Nationalsozialist*innen von November 1943 bis 6. Mai 1945 insgesamt über 27.000 KZ-Häftlinge gefangen. Ebensee galt als Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen und war eingebunden in ein weitverzweigtes System von Konzentrationslagern. Der Großteil der Ebensee-Gefangenen kam aus dem östlichen Europa: aus Polen, der Sowjetunion und Ungarn. Etwa 30 Prozent waren als jüdische Häftlinge registriert. Über 8.100 Menschen wurden in Ebensee ermordet oder kamen aufgrund der katastrophalen Umstände und extrem harschen Zwangsarbeitsbedingungen beim Stollenbau ums Leben.

Die Situation der Gefangenen im Konzentrationslager Ebensee verschärfte sich noch mehr in den letzten Kriegsmonaten als die Nationalsozialisten tausende weitere geschwächte und halbtote Häftlinge auf Todesmärschen und -transporten nach Ebensee verschleppten. Truppen der US-Armee befreiten das völlig überbelegte Konzentrationslager am 6. Mai 1945. Es war damit eines der letzten großen Konzentrationslager, das alliierte Truppen erreichten. Die Fotos und Videos vom befreiten Ebensee gingen um die Welt. Diese sind zu verstörenden Bildikonen und Belegen der NS-Gewaltherrschaft und der Konzentrationlager geworden.

 

aus dem Buch: Wispomnienia z niemieckich obzow Koncentracyjnych, S. 57.

 

Reinhard Florian, ein deutscher Sinto, schrieb in seinen Erinnerungen eindringlich, dass er nach dem Überleben der deutschen Konzentrationslager und darunter Ebensee nicht mehr der Mensch sein konnte, der er einmal war: seine Familie, sein Freundeskreis, sein Besitz sowie insgesamt seine Heimatstadt in Ostpreußen existierten nicht mehr. „Durch das Leid, das wir ertragen mussten, sind wir zu Gefangenen unserer Erinnerung geworden.“[1] Befreit und doch nicht in Freiheit, so erinnerten viele Häftlinge die Zeit nach dem Danach. Der Tag der Befreiung war ohne Frage ein Tag der Erleichterung – befreit von der NS-Gewaltherrschaft – doch ebenso auch für viele einer der traurigsten ihres Lebens. Viele Überlebende beschrieben die folgende Zeit als große Leere, in der Gefühle wie Trauer, Wut, Schmerz und Unruhe vorherrschend waren. Die Freude über das eigene Überleben wandelte sich schnell in zermürbende Fragen: Was mag aus den Angehörigen geworden sein? Wohin zurückkehren? Wie soll es weitergehen? Wem kann vertraut werden? Wer hört zu? Wer versteht die eigenen traumatischen Erfahrungen?

Ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Ebensee erlebten die kommenden Wochen nach der Befreiung sehr unterschiedlich: In Ebensee beschrieben viele auch die Zeit nach dem Überleben als Hölle und vor allem als Zeit der Selbstjustiz. Einige Überlebende gingen selbst gegen ihre ehemaligen Bewacher, NSDAP- und SS-Angehörigen wie vormaligen Mitgefangenen vor. Andere waren Monate im Krankenhaus und erinnerten die unmittelbare Zeit nach der Befreiung nur kaum. Wieder andere fanden die physische wie psychische Kraft und wurden sofort aktiv. Sie engagierten sich für andere Befreite oder ihre jeweiligen nationalen Gruppen. Wieder andere besorgten sich Fahrräder oder besseres Schuhwerk und machten sich auf eigene Faust auf dem Weg nach Hause oder auf die Suche nach Angehörigen. Es herrschte ein extremes Chaos; Stress, Anspannung lebten fort, wenn auch gänzlich anders als während der NS-Gefangenschaft. Hunderte KZ-Überlebende waren so traumatisiert und regelrecht apathisch, dass sie selbst kaum zu Aktivitäten oder gar zu Entscheidungen in der Lage sein konnten. Wieder andere wollten so viel wie möglich ihre wiedergewonnene Freiheit genießen: Einige berichteten von ausgelassenen Feiern, Wanderungen und neuen Freund- und Liebschaften. Wieder andere, wie eine Gruppe befreiter Ukrainer entschied sich, zwar Ebensee so schnell wie möglich zu verlassen, doch in Österreich bleiben zu wollen und sich als Polen, Tschechen und Russen auszugeben, da sie Angst vor Zwangsrückführungen und politischen Repressionen von Seiten des sowjetischen Geheimdienstes hatten. Wieder andere wollten vor allem so schnell wie möglich aus den ehemaligen Baracken des Konzentrationslagers heraus: sie gingen in die Umgebung von Ebensee, wo sie teils freiwillig, teils unter Druck, teils mit Hilfe der US-Amerikaner*innen sich Räumlichkeiten und Besitz bei der österreichischen Bevölkerung aneigneten.

Zygmunt Henry Braun überlebte die NS-Verfolgung, da er seine jüdische Identität verbarg, untertauchte und sich dann als katholischer Pole ausgab. Zu welcher Gruppe gehörte er nun und wohin sollte er gehen? Er persönlich hörte zwar von Antisemitismus, doch selbst habe er dies in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht erlebt, erinnerte er 2014. Nach einigen Wochen im Krankenhaus fragte ihn ein Arzt, wohin er nach seiner Entlassung gehen wolle. Für Braun sei dies ein enormes Dilemma gewesen. „In the end, I said I wanted to go back to Ebensee (…), not really knowing where to go, (…) not knowing what to do next“[2]. Alle Befreiten erhielten den Status als DPs, Displaced Person. Für die Alliierten galten DPs als Personen, die sich bei Kriegsende außerhalb des eigenen Herkunftslandes befanden und auf Hilfe angewiesen waren. Neben befreiten Häftlingen aus den Konzentrationslagern galten vor allem befreite zivile Zwangsarbeitende und Kriegsgefangene als „displaced“, als versetzt. Nach alliierter Vorstellung sollten DPs schnellstmöglich in die Heimat rückgeführt werden. Doch von insgesamt etwa 11 Millionen DPs verblieb etwa eine Million vor allem in Westdeutschland, Österreich und Italien. Eine Heimat gab es für viele nicht mehr: deren Familien und Besitz hatten die Nationalsozialisten zerstört. Dazu machten massive Grenzverschiebungen im östlichen Europa eine Rückkehr oft ohnehin unmöglich. Des Weiteren weigerten sich viele DPs, im Kommunismus zu leben: eine Rückkehr z.B. in die Sowjetunion oder in ein Polen unter sowjetischen Einfluss, war für die meisten der zurückbleibenden DPs undenkbar. Viele jüdische Displaced Persons sahen ihre eigene Zukunft nur in einem eigenen jüdischen Staat gesichert. Es folgte eine lange Zeit der Ungewissheit und des Abwartens. Am Rande der deutschsprachigen Gesellschaften sowie im Land der ehemaligen Täter*innen, emigrierte ein Großteil der DPs nach oft erst drei, vier oder fünf Jahren als DPs in die USA, nach Australien, Kanada und Großbritannien. Zygmunt Henry Braun verschlug es ans andere Ende der Welt nach Melbourne. Doch egal, wohin die Überlebenden gingen, Ebensee und die Zeit im Konzentrationslager verließen sie nie.

[1] https://www.befreiungsfeier.at/historisches/geschichte-befreiungsfeier/reinhard-florian

[2] Braun, Zygmunt Henry (2014): My life 1934-1946. Melbourne.

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