Rückblick: CPPD Festival »Voices Rising: Memory Unsilenced« After the Carnations – Cycles of Decolonisation and Democratic Futures

24. & 25. April 2026 | Biblioteca de Alcântara – José Dias Coelho, Lissabon

„Die Wunden der Kolonialzeit zu überwinden, bedeutet nicht, sie zu schließen oder zu beruhigen, sondern die globalen Verflechtungen sichtbar zu machen, in denen ehemals kolonisierte Gesellschaften bis heute stehen.“ (Dr. Ibou Diop)

Am 24. und 25. April 2026 veranstaltete die Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD) ihr zweites Festival des Jahres in der Biblioteca de Alcântara – José Dias Coelho in Lissabon. Unter dem Titel »After the Carnations – Cycles of Decolonisation and Democratic Futures« verband der erste Tag unterschiedliche Formate: ein Podiumsgespräch, künstlerische Performances sowie die Eröffnung des Dynamic Memory Lab »Cycles of Decolonisation«. Am zweiten Festivaltag standen ein Workshop zu Implikationen der Nelkenrevolution und Praktiken des öffentlichen Erinnerns sowie der Besuch des zentralen Gedenkmarschs im Zentrum.

Podiumsgespräch “After the Carnations – Cycles of Decolonisation and Democratic Futures”

Den Auftakt bildete das Podiumsgespräch “After the Carnations – Cycles of Decolonisation and Democratic Futures”. Moderiert von Dr. Cátia Severino, brachten Dr. Iolanda Évora und Dr. Ibou Diop in dem auf portugiesisch und deutsch geführten und simultan übersetzten Gespräch Perspektiven portugiesischer und deutscher Erinnerungskultur zusammen und setzten sie in Beziehung zu einer europäischen Auseinandersetzung über den Umgang mit dem kolonialen Erbe, und was es bedeutet, wenn dabei Erinnerung nicht länger allein von Institutionen gestaltet wird, sondern von Gemeinschaften, künstlerischen Praktiken und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Ibou Diop stellte in seinem Input das Berliner Erinnerungskonzept “Kolonialismus erinnern” vor. Das Berliner Konzept setzt Kolonialgeschichte als strukturprägenden Bestandteil deutscher und europäischer Geschichte in den Vordergrund, eng verbunden mit Völkermord und mit tiefen Spuren in der Mentalitätsgeschichte, die bis heute sichtbar sind: in Straßennamen, in musealen Sammlungen, in Schulcurricula. Inspiriert von Édouard Glissant und Achille Mbembe plädiert das Konzept für Transversalität, für das Sichtbarmachen von Verflechtungen, Querbezügen und Resonanzen zwischen verschiedenen Gewalterfahrungen, auch in ihrer Verbindung zur Geschichte des Nationalsozialismus, dessen menschenfeindliche Denktraditionen Vorläufer im Kolonialismus hatten. Erinnerung wird dabei als Praxis verstanden, als Prozess des Zuhörens, des In-Beziehung-Tretens und des Aushaltens von Widersprüchen, und nicht als abgeschlossener Akt.

Iolanda Évora führte in ihrem Input in den portugiesischen Kontext ein und zeigte, wie die Aushandlung von Staatsbürgerschaft und politischer Teilhabe in Portugal bis heute von der Mythologie einer „sanften und wohlwollenden“ Kolonisierung geprägt ist. Eine Mythologie, die sowohl die afrikanischen Unabhängigkeitskämpfe ausblendet als auch die Beiträge afrodescendenter Menschen zur portugiesischen Gesellschaft der Gegenwart. Anhand konkreter Beispiele, vom fehlenden Sklaverei-Mahnmal in Lissabon bis zum umstrittenen Park „Portugal dos Pequenitos“ in der Portugiesischen Stadt Coimbra, verdeutlichte sie, wie institutionelle Erinnerungspolitik aktiv Widerstand gegen neue Deutungen leistet. Zugleich verwies sie auf die wachsende Gegenbewegung afrodescendenter Akteur*innen, die das Wort als Form öffentlicher Intervention nutzen.

„A negação, a romantização e o esforço em perpetuar os símbolos e as práticas de memória deparam-se com narrativas e criações que não são simples contra-relatos, pois constituem-se nas margens, mas no coração da situação.”
(„Die Leugnung, die Romantisierung und der Versuch, Symbole und Erinnerungspraktiken aufrechtzuerhalten, stoßen auf Narrative und Schöpfungen, die keine bloßen Gegenerzählungen sind — sie entstehen an den Rändern, aber im Herzen der Situation.“)

Das Gespräch kreiste schließlich um eine zentrale Spannung: Symbolische Anerkennung allein reicht nicht, wenn sie nicht von einer realen Umverteilung von Stimme und Macht begleitet wird. Beide Gesprächspartner*innen machten deutlich, dass demokratisch inklusivere Zukünfte konkrete Veränderungen erfordern; in Bildung, im öffentlichen Raum und in der Frage, wer die gemeinsamen Symbole und Narrative einer Gesellschaft definiert.

Dynamic Memory Lab »Cycles of Decolonisation«

Den Abschluss des ersten Festivaltages bildete die Eröffnung des Dynamic Memory Lab »Cycles of Decolonisation«, kuratiert von Dr. Cátia Severino und André Soares.

Das DML ist das zentrale Ausstellungsformat der CPPD: Es arbeitet ortsspezifisch, reagiert auf lokale Erinnerungsbedarfe und versteht sich als prozesshaftes Format – im Unterschied zu abgeschlossenen Ausstellungsnarrativen.

Das Dynamic Memory Lab „Cycles of Decolonisation“ lädt seine Besucher*innen ein, sich mit dem Erbe des europäischen Kolonialismus und seinen heutigen Erscheinungsformen auseinander zu setzen. Die Ausstellung legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Strukturen der Entmenschlichung, die bis heute wirksam sind. Sie versucht, die mit der Entmenschlichung verbundene Unsichtbarkeit aufzubrechen und rückt den menschlichen Aspekt in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Am Beispiel von Lieferfahrer*innen zeigen sie uns die heutigen Erscheinungsformen, in denen das Erbe des europäischen Kolonialismus bis in die Gegenwart fortbesteht. „Cycles of Decolonisation” veranschaulicht, wie zeitgenössische Wirtschaftssysteme koloniale Dynamiken wiederholen können, auch ohne die direkte Gewalt und territoriale Besetzung, die mit der historischen Kolonialisierung verbunden sind.

Künstlerische Positionen

Das Eröffnungsprogramm war künstlerisch dicht besetzt. Ein Chor interpretierte zentrale politische Lieder u. a. von José Afonso, José Mário Branco und Adriano Correia de Oliveira, die eng mit der portugiesischen Diktatur und der Nelkenrevolution verbunden sind.

In der szenisch-performativen Lesung „Caderno de Memórias Coloniais” (“The Notebook of Colonial Memories”) des Coletivo de Teatro da Biblioteca de Alcântara – José Dias Coelho wurden Auszüge aus dem Werk von Isabela Figueiredo interpretiert, das eine offene und schonungslose Sicht auf die Realitäten des späten portugiesischen Kolonialismus und kolonialer Gewalt in Mosambik und auf das politische Klima rund um die „Rückführung“ von hunderttausenden Menschen vor allem aus Angola und Mosambik nach Portugal. Die Lesung verband persönliche Erinnerung mit politischer Geschichte und beleuchtete die Ambivalenzen kolonialer Machtverhältnisse. Die Beiträge machten auf eindrückliche Weise Geschichte hörbar und schufen einen kollektiven Raum des Erinnerns und Widerstands. In ihrer Live-Performance “RIBBONS” im Garten der Biblioteca nähte die Künstlerin Renee van Bavel gesammelte Gedenkschleifen aus internationalen Erinnerungsorten zu einem fortlaufenden, kollektiven Kunstwerk zusammen. Die Arbeit verbindet unterschiedliche Geschichten, Perspektiven und Formen des Gedenkens zu einer gemeinsamen, transnationalen Erzählung. Als offene und wachsende Praxis lädt RIBBONS dazu ein, über Erinnerung, Gegenwart und die Möglichkeiten von Zusammenhalt und Frieden nachzudenken.

Die Eröffnungsveranstaltung stieß auf großes Interesse; über 100 Besucher*innen nahmen teil. Nach Stationen in Berlin und Madrid wird das DML »Cycles of Decolonisation« bis zum September 2026 in der Biblioteca de Alcântara – José Dias Coelho zu sehen sein.

Workshop & Führung

Der zweite Festivaltag startete mit dem Workshop “The Missing D – From Utopia to Denial”, durchgeführt von Dr. Cátia Severino und André Soares, und mündete in einen gemeinsamen Besuch des zentralen Gedenkmarschs durch Lissabon.

Ausgangspunkt des Workshops war die Frage nach dem „fehlenden D“. Die Nelkenrevolution, mit der 1974 das Ende der faschistischen Diktatur des „Estado Novo“ eingeleitet wurde, war programmatisch auf drei Ziele ausgerichtet: Demokratisieren, Entwickeln, Dekolonisieren (Democratizar, Desenvolver, Descolonizar). Während die politische Demokratisierung vollzogen wurde, blieb das dritte D unvollendet. Dekolonisierung wurde vorwiegend als militärisch-politischer Prozess behandelt, nicht jedoch als Transformation von Erinnerung und gesellschaftlichen Strukturen. Diese Leerstelle prägt die portugiesische Erinnerungskultur bis heute: Die öffentliche Erzählung blieb lange auf die retornados, die zurückgekehrten Kolonist*innen, fokussiert, während koloniale Gewalt in Schulcurricula und öffentlichem Raum weitgehend unsichtbar blieb. Der Workshop zeigte zudem, wie koloniale Strukturen sich in der Gegenwart fortschreiben, etwa im Konzept des racial capitalism, bei dem Ausbeutung ihre Form verändert, aber nicht verschwindet, und verwies damit auch auf die zentralen Motivel der DML Ausstellung “Cycles of Decolonisation”.

Die anschließenden Diskussionen und der Besuch des Gedenkmarschs verwiesen eindrücklich auf die Spezifika dessen, was den 25. April im europäischen Vergleich besonders macht: Der Marsch als lebendige, verkörperte Erinnerungspraxis, als eine Fortsetzung der Revolution durch kollektive Präsenz im öffentlichen Raum. Er ist zugleich gesamtgesellschaftliches Ereignis und Ort der Aushandlung: Unterschiedliche Gruppen beanspruchen den Tag auf je eigene Weise und bringen konkurrierende Narrative darüber mit, was die Revolution war und was sie bis heute einfordert. Diese Pluralität wird nicht als Bedrohung des Gedenkens verstanden, sondern als sein lebendiger Ausdruck, ein Modell, das sich von stärker institutionalisierten oder polarisierten Gedenkformaten in anderen europäischen Kontexten deutlich unterscheidet.