
Rostock | 20. & 21. September 2025
Was passiert, wenn Erinnerungen aufeinandertreffen, die jahrzehntelang getrennt waren? Wenn vietnamesische Lieder aus den 1990er-Jahren gespielt werden, während Geschichten von Flucht und Vertragsarbeit geteilt werden? Das CPPD-Festival „Memory Matters. Erinnern im Konflikt“ am 20. und 21. September in Rostock zeigte eindrücklich, wie Plurale Erinnerungskultur verschiedenste Communities und Generationen zusammenbringt und hinterfragt, wie wir unsere deutsche und europäische Geschichte erzählen. An zwei intensiven Tagen wurde diskutiert und zugehört – aber auch Karaoke gesungen, getanzt und Phở nach Art der Vertragsarbeiter*innen bei einer interaktiven Kochshow gegessen.
Höhepunkt des Festivals war die Eröffnung des neuen Dynamic Memory Lab „Nước Đức. Vietnamesisch-Deutsche Migrationsgeschichte(n)“ von den Kurator*innen Dan Thy Nguyen und Nina Reiprich. Die Ausstellung beleuchtet Erinnerungen und Erfahrungen der vietdeutschen Community zwischen Flucht und Vertragsarbeit, Nord- und Südvietnam, Ost- und Westdeutschland. Geschichten, die von Rassismus und Gewalt erzählen, aber ebenso von Selbstermächtigung, Solidarität und künstlerischer wie gesellschaftlicher Gestaltungskraft. Erzählt werden diese Geschichten von den ausgestellten und bei der Eröffnung anwesenden Künstler*innen und Aktivist*innen, die in ihren Arbeiten persönliche Erfahrungen mit politischen Fragestellungen verbinden. „Sie machen deutlich: Erinnerung ist nicht nur Rückschau, sondern ein Werkzeug, mit dem wir Gegenwart und Zukunft gestalten können“, so die Kurator*innen.
In Workshops, Panels und im Rahmen eines Vernetzungstreffens wurden neue Brücken zwischen Generationen und Himmelsrichtungen geschlagen, Traumata und Wut anerkannt, aber auch Räume für selbstermächtigende Narrative eröffnet:
Auf dem Panel „Sprachlos in Nứớc Đức“ diskutierten Nhi Le, Dan Thy Nguyen und Vu Thanh Van, moderiert von Vũ Vân Phạm über Herausforderungen von intergenerationellem Erinnern und teilten ihre Erfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven zwischen der ersten und zweiten Generation vietdeutscher Migration, zwischen Ost- und Westdeutschland bzw. Nord- und Südvietnam: Was wird geteilt, was verschwiegen – und weshalb? Die Panelist*innen betonten dabei die Notwendigkeit, Fremdzuschreibungen zu widersprechen, biografische Verengungen zu überwinden und sich radikal und selbstbewusst zu fragen: Was macht uns aus? Welche Werkzeuge haben wir? Und wie überwinden wir Traumata und schaffen Verbindungen zwischen den Narrativen
In zwei Workshops wurden unterschiedliche lokale Erinnerungsanlässe und -schwerpunkte beleuchtet: Die Exkursion „Lichtenhagen im Gedächtnis“ führte die Teilnehmenden in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“ zu verschiedenen historischen und symbolischen Orten der Hansestadt, die mit dem Pogrom von Lichtenhagen 1992 in Verbindung stehen. In einem zweiten Workshop kamen die Teilnehmenden nach einer Führung durch die Ausstellung „Lebenswege – vietnamesische Rostockerinnen erzählen“ durch Diên Hông. Gemeinsam unter einem Dach e.V. zu unterschiedlichen Aspekten von Rassismuserfahrungen und solidarischem Community-Building ins Gespräch.
Das Vernetzungstreffen für erinnerungspolitische und -kulturelle Akteur*innen bot nach den Stationen in Berlin und Halle weiter Räume für den konkreten Austausch und die gemeinsame Arbeit. Unter dem Schwerpunkt Erinnern als Ermächtigung diskutierten die Teilnehmenden über notwendige Formate und Räume sowie Ressourcen und Strukturen als Bedingung für eine solidarische und nachhaltige Erinnerungsarbeit. Sie betonten dabei die dringende Notwendigkeit machtkritischer Räume und Netzwerke, die langfristige und solidarische Zusammenarbeit ermöglichen.
Zum Abschluss des Festivals kamen die Besucher*innen, darunter viele Familien aus der ersten und zweiten Generation aus der Rostocker vietdeutschen Community, zu einem ganz besonderen Kochevent und gemeinsamen Essen am DML zusammen: Wie kochte die Rostocker vietnamesische Community in den Achtzigern? Das Format widmete sich genau dieser Frage. Die Köchin Thuy Nguyen Thi Bich der KTV Kantine kochte vietnamesisch mit den Zutaten, die in der DDR verfügbar waren und teilte Erinnerungen an eine Küche zwischen Tradition, Improvisation und pragmatischer Anpassung.
Nach den Dynamic Memory Labs der CPPD zu Dekolonialisierung und zu Erinnerungskulturen in Sinti- und Roma-Communities zeigt dieses dritte Lab und das gesamte Festival eindringlich: Temporäre und modulare Räume der Erinnerung sind gerade jetzt, da Räume für Plurales Erinnern gesellschaftlich zurückgedrängt werden, von enormer Bedeutung für unsere demokratische Gesellschaft. Sie schaffen Orte des Austauschs, der Begegnung und des Verstehens – und damit unverzichtbare Grundlagen für ein demokratisches Miteinander.
Die Eröffnung des Dynamic Memory Lab Nươc Đưc war Teil des dezentralen heimaten Festivals. Das heimaten Netzwerk ist eine Initiative von Haus der Kulturen der Welt im Rahmen von heimaten, gefördert durch Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags.
Fotos: © Natalia Reich, 2025





