Am 18. Mai 1944 wurden über 200.000 Krimtatar*innen, das indigene Volk der Krim, als angebliche „Landesverräter*innen“, „Kollaborateure“ und „antisowjetische Propagandist*innen“ entsprechend der Verordnung des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR zur „dringenden Aussiedlung der Krimtataren“ aus ihrem Heimatgebiet Krim in entlegene Gegenden Zentralasiens, nach Sibirien oder in den Ural verschleppt. Vertrieben wurden alle Krimeinwohner*innen krimtatarischer Herkunft: Frauen, Kinder und alte Menschen bildeten dabei keine Ausnahme. Auch die Familien krimtatarischer Offiziere der Roten Armee standen auf der Vertreibungsliste.
Bewaffnete Soldaten stürmten zumeist nachts oder am frühen Morgen die Häuser der Krimtatar*innen, durchsuchten sie, zwangen die Bewohner zur Räumung und beschlagnahmten verbliebenes Vermögen. Erinnerungen der Überlebenden zufolge fürchteten viele Menschen damals, erschossen zu werden.
Die Deportierten wurden in unmenschlicher Weise in überfüllten Güterwaggons transportiert. Sie litten unter Hunger, Durst und unhygienischen Bedingungen. Insgesamt starben etwa 46 Prozent der krimtatarischen Bevölkerung bei der Vertreibung und in den ersten Jahren danach.
1956 wurden viele Krimtatar*innen vom „Sondersiedlerstatus“ befreit und durften innerhalb der Sowjetunion umziehen, allerdings nicht in ihre ursprüngliche Heimat. Erst 1988 wurde das Verbot, sich wieder auf der Krim anzusiedeln, aufgehoben. Nur wenigen krimtatarischen Aktivist*innen war es trotzdem gelungen, vor 1988 auf die Krim zurückzukehren.
Auch nach der lang erträumten Rückkehr in die Heimat blieben die Zeiten mehr als turbulent. Die Immobilien der Krimtatar*innen, die sie vor der Deportation besessen hatten, waren vom Staat beschlagnahmt und an neue Eigentümer*innen übergeben worden. Als sogenannte Kompensation wurden den Krimtatar*innen leere und unfruchtbare Steppengebiete der Krim bereitgestellt, wo die Rückkehrer*innen versuchen mussten, sich ohne Gas, Strom und Wasser niederzulassen.
Die schwierigste Herausforderung bestand aber im jahrelangen Kampf der Krimtatar*innen gegen die sowjetische Propaganda. Nach der Deportation wurden sie ausschließlich als Landesverräter*innen und Feinde betrachtet. Dies erschwerte sowohl ihre Rückkehr als auch das ohnehin mühsame Wiedereinleben auf der Krim enorm. Seit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine im Jahr 1991 sind die Krimtatar*innen ein wichtiger Teil der ukrainischen Gesellschaft geworden. Russland aber nutzt seit dem Jahr 2014 das von der Sowjetunion geschaffene negative Bild des krimtatarischen Volkes, um die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die massive Unterdrückung der krimtatarischen Bevölkerung durch die Besatzungsmacht zu rechtfertigen.