Am 8. Oktober 2025 findet das CPPD-Festival »Memory Matters« mit dem Schwerpunkt auf „Erinnerung in digitalen Räumen“ in Kooperation mit OFFENER PROZESS – Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Chemnitz statt.

Die Digitalisierung eröffnet der Erinnerungskultur neue Möglichkeiten. Zeitzeug*innen-Interviews können als Grundlage für das Training großer Sprachmodelle dienen, die auch nach dem Tod der Überlebenden Fragen beantworten. Hologramme ermöglichen scheinbar authentische Begegnungen mit Zeitzeugen über ihre Lebenszeit hinaus. Digitale Archive machen historische Dokumente weltweit zugänglich. Doch technologischen Innovationen bergen erhebliche Risiken. Werden Algorithmen auf Basis historischer Zeugnisse trainiert, stellen sich Fragen nach Authentizität und Manipulation: Wer kontrolliert, was digitale „Zeitzeug*innen“ aussagen? Wie lassen sich Verzerrungen oder gar bewusste Geschichtsfälschungen verhindern?

Besonders problematisch ist das Spannungsfeld zwischen digitaler und physischer Erinnerung. Zahlreiche Ereignisse der europäischen Gewaltgeschichte verfügen noch immer nicht über angemessene Gedenkorte. Gleichzeitig droht die Digitalisierung als bequeme Ausrede zu dienen: Warum Denkmäler errichten oder Gedenkstätten finanzieren, wenn sich Erinnerung auch virtuell inszenieren lässt?

Die bisherigen Erfahrungen mit digitalen Erinnerungsräumen in virtuellen Welten wie „Second Life“ oder dem „Metaverse“ stimmen skeptisch: Ohne kontinuierliche Pflege und Investitionen verkommen sie rasch zu digitalen Brachen. Hinzu kommen Abhängigkeiten von privatwirtschaftlichen Akteur*innen, deren Interessen nicht notwendigerweise mit denen einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur übereinstimmen. Jüngste Entwicklungen bei Meta oder X zeigen, wie schnell Unternehmensstrategien wechseln – mitunter auf Kosten erinnerungskultureller Projekte. Erinnerung jedoch erfordert Beständigkeit und Verlässlichkeit, Eigenschaften, die private Plattformen nicht garantieren können.

Die zentrale Frage lautet daher: Wie können digitale Methoden die Erinnerungskultur bereichern, ohne sie zu verdrängen oder zu gefährden? Und wie lässt sich die Integrität historischer Zeugnisse in einer Zeit algorithmischer Reproduzierbarkeit und unternehmerischer Kontrolle wahren?  Das dritte CPPD-Festival »MEMORY MATTERS« am in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz widmet sich diesen und weiteren Fragen und digitalen Ansätzen und Methoden in der Erinnerungskultur und -politik. Das Festival wird in Kooperation mit dem NSU-Dokumentationszentrum durchgeführt und bietet zahlreiche Möglichkeiten für Begegnung, Vernetzung und die gemeinsame Entwicklung erinnerungskultureller und -politischer Projekte.

Programm

VERNETZUNGSTREFFEN
10:00 – 13:00 Uhr | Vermittlungsraum, OFFENER PROZESS – Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex

Nach den ersten Stationen in Halle und Rostock möchten wir mit dem Vernetzungstreffen am 8. Oktober in Chemnitz weitere Räume für konkreten Austausch und die Fortsetzung unserer gemeinsamen Arbeit gestalten. Im Fokus stehen die Herausforderungen der Erinnerungsarbeit in digitalen Räumen – und die Entwicklung von Vorschlägen, wie sie dennoch gelingen kann. Ziel des Formats ist es, lokale, regionale und bundesweit agierende Institutionen, Organisationen und Akteur*innen aus dem erinnerungspolitischen und -kulturellen Feld miteinander zu vernetzen und Synergien zwischen Themen, Ressourcen und Projekten zu schaffen.

(Interne Veranstaltung)

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WORKSHOP 1: Führung durch die Ausstellung Offener Prozess

14:00 – 15:00 Uhr | OFFENER PROZESS – Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex

Bei der Führung durch das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex erhalten die Teilnehmer*innen Einblick in Aufbau und Themenschwerpunkte der Ausstellung und können sich über kuratorische Fragen austauschen. Nach einer 45-minütigen Führung durch die Ausstellung findet ein 15-minütiger Austausch statt. Hier ist Raum für Fragen und Diskussionen.

(Öffentliche Veranstaltung)

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WORKSHOP 2: Einführung in den digitalen Erinnerungsort re:member the future

15:30 – 16:30 Uhr | OFFENER PROZESS – Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex, Treffpunkt am Haupteingang

re:member the future ist eine interaktive Intervention im öffentlichen Raum der Stadt Chemnitz, weil es bisher keinen offiziellen Erinnerungsort der Stadt an die durch den NSU Ermordeten gibt. Sie dient dem Gedenken an die Ermordeten, Verletzten und Überlebenden des NSU-Terrors. Sie ist eine notwendige Arbeit gegen das bereits auftretende Vergessen und erinnert dabei an die ausgelöschten Leben, aber auch an die Widerständigkeit und Forderungen der Überlebenden an eine rassistische Gesellschaft.

(Öffentliche Veranstaltung)

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PANELDISKUSSION: „Erinnerungsarbeit in digitalen Räumen“ 

Einlass ab 18:00 Uhr | Beginn 18:30 Uhr
Willkommensbereich, OFFENER PROZESS – Ein Dokumentationszentrum zumNSU-Komplex

Die Digitalisierung eröffnet der Erinnerungskultur neue Möglichkeiten – von KI-gestützten Zeitzeug*innen-Interviews über holografische Begegnungen bis hin zu global zugänglichen digitalen Archiven. Gleichzeitig stellen sich neue Herausforderungen. Als diesjährige Europäische Kulturhauptstadt ist Chemnitz eine Stadt der Gegensätze – geprägt von lebendiger Vielfalt und gleichzeitig von den Herausforderungen einer gewaltvollen Vergangenheit. Der Offene Prozess – ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex, verkörpert diese Auseinandersetzung mit Geschichte vor Ort und bietet einen besonderen Rahmen, um über die Zukunft der Erinnerungskultur zu diskutieren und dabei digitale Methoden zu erkunden, ohne die Integrität oder die Bedeutung physischer Orte des Gedenkens zu gefährden.

Gemeinsam mit den Expert*innen Dr. Jonas Fegert, Nhi Le und Susanne Siegert diskutiert Moderator Benjamin Fischer, wie digitale Methoden die Erinnerungskultur transformieren können. Dabei werden sowohl Chancen – wie neue Zugänge zu historischen Erfahrungen oder innovative Vermittlungsformate – als auch Risiken thematisiert, etwa Fragen der Authentizität, Manipulation oder die Nutzung privater Plattformen.

Die Veranstaltung „Erinnerungsarbeit in digitalen Räumen“ wird mit dem Programm Future 500 und in Kooperation mit Offener Prozess – ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex realisiert.

(Öffentliche Veranstaltung, Anmeldung über OFFENER PROZESS )

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AUSSTELLUNG: Dynamic Memory Lab – Erinnerungsbooth „Nước Đc. Vietnamesisch-Deutsche Migrationsgeschichte(n)“

Ab 18:00 Uhr | OFFENER PROZESS – Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex

Das Dynamic Memory Lab »Nước Đức« nimmt die vietnamesisch-deutsche Migrationsgeschichte in den Blick und geht der Frage nach, wie Geschichte erinnert und erzählt – oder auch verdrängt und verschwiegen wird. Im Fokus der Ausstellung stehen Erinnerungen und Erfahrungen der vietdeutschen Community, die sich über mehrere Jahrzehnte zwischen Flucht und Vertragsarbeit, zwischen Nord- und Südvietnam und Ost- und Westdeutschland, zwischen Gewaltgeschichte und Selbstermächtigung bewegen und überkreuzen. Wir zeigen eine komprimierte Version der ursprünglichen Ausstellung, die am 20. September in Rostock eröffnet wurde.

Kuratiert von Dan Thy Nguyen und Nina Reiprich, mit Beiträgen von Phuong Dan, KI Bui, Minh Duc Pham, Nhi Le und weiteren.