CPPD-Festival »Voices Rising: Memory Unsilenced«
11. März 2026 | Altonaer Museum, Hamburg
Am 11. März 2026 veranstaltete die CPPD ihr erstes Festival des Jahres im Altonaer Museum Hamburg. Unter dem Titel »Voices Rising: Memory Unsilenced« verband der Tag drei unterschiedliche Formate: ein zivilgesellschaftliches Vernetzungstreffen, eine Gedenkzeremonie für zwei vietnamesische Mordopfer des frühen bundesdeutschen Rechtsterrorismus und die Eröffnung des Dynamic Memory Lab »Nước Đức. Vietnamesisch-Deutsche Migrationsgeschichte(n)«.

Vernetzungstreffen: Wessen Erinnerung zählt?
Den Auftakt bildete das von Avra Emin moderierte Vernetzungstreffen »(Un)sichtbarkeiten in der Erinnerungskultur«, an dem über 50 Vertreter*innen aus Kunst, Bildung und Zivilgesellschaft teilnahmen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Selektivität erinnerungspolitischer Diskurse: Welche Geschichten werden institutionell gefördert, welche bleiben randständig – und was bedeutet das für die Praxis zivilgesellschaftlicher Akteur*innen? CPPD-Kurator Max Czollek formulierte eine Diagnose, die den T on des T ages setzte: Der erinnerungskulturelle Diskurs, der lange als progressiver Gegenpol zu staatlichen Narrativen fungierte, werde zunehmend selbst verstaatlicht – und verschiebe sich dabei nach rechts. Für die anwesenden Initiativen bedeutete das weniger eine abstrakte Feststellung als eine konkrete Herausforderung: Wie lassen sich alternative Erinnerungsformate gegen diesen T rend behaupten? Die Gespräche machten deutlich, dass Ressourcenteilung und Kooperation zwischen Communities dabei eine zentrale Rolle spielen – nicht als Idealvorstellung, sondern als operative Notwendigkeit.










Gedenken an Châu und Lân
Am Nachmittag fand eine buddhistisch geprägte Gedenkzeremonie für Nguyễn Ngoc Châu und Đô ̃ Anh Lân statt, die 1980 bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag in der damaligen Halskestraße in Hamburg-Billbrook ermordet wurden – einer der frühen rechtsterroristischen Mordanschläge in der Bundesrepublik. Die Überlebenden Thi Kim Thoa Ngũ und Thời Trong Ngũ errichteten einen traditionellen Gedenkaltar mit Blumen und Früchten. Der Moment verband persönliche Trauer mit kollektivem Erinnern. Das Ehepaar Ngũ engagiert sich seit Jahrzehnten dafür , dass diese Morde nicht im öffentlichen Gedächtnis verschwinden. 2024 wurde ein T eil der Halskestraße in »Châu-und-Lân-Straße« umbenannt – ein Erfolg langen zivilgesellschaftlichen Drucks. Die Zeremonie im Altonaer Museum war kein repräsentatives Gedenken, sondern ein von den Betroffenen selbst gestalteter Akt der Erinnerung.



Dynamic Memory Lab »Nước Đức«
Den Abschluss des Festivaltages bildete die Eröffnung des Dynamic Memory Lab »Nước Đức. Vietnamesisch-Deutsche Migrationsgeschichte(n)«, kuratiert von Dan Thy Nguyen und Nina Reiprich. Das DML ist das zentrale Ausstellungsformat der CPPD: Es arbeitet ortsspezifisch, reagiert auf lokale Erinnerungsbedarfe und versteht sich als prozesshaftes Format – im Unterschied zu abgeschlossenen Ausstellungsnarrativen. Die Ausstellung widmet sich der vietnamesisch-deutschen Migrationsgeschichte in ihrer ganzen Heterogenität: Vertragsarbeit in der DDR, Flucht und Asyl, rassistische Gewalt, gesellschaftliche T eilhabe. Sie macht sichtbar , dass »die deutsch-vietnamesische Geschichte« keine einheitliche ist, sondern eine multiperspektivische und global verflochtene – und dass ihre Nichtpräsenz im dominanten Erinnerungsdiskurs eine politische T atsache ist, keine bloße Lücke. Die Eröffnung stieß auf großes Interesse; über 100 Besucher*innen nahmen teil. Die Ausstellung ist bis zum 6. Juli 2026 im Altonaer Museum zu sehen.



Künstlerische Beiträge zur Eröffnung
Die Eröffnung war künstlerisch dicht besetzt. Die Journalistin Nhi Le las aus ihrem Text » T eil des Ostens«, in dem sie das Aufwachsen der zweiten Generation vietdeutscher Familien in Ostdeutschland beschreibt – und damit vietdeutsche Erfahrungen als konstitutiven T eil ostdeutscher Geschichte lesbar macht, nicht als Randphänomen. Minh Duc Pham entwickelte in einer Lecture Performance Stimmen von Migrant*innen, die Fragen von Solidarität, Rassismus und Zugehörigkeit verhandelten. Die Illustratorin Minh Voll stellte die erweiterte Auflage des Ausstellungskatalogs »Nước Đức« vor . Musikalisch begleitete das Lotus Ensemble den Abend mit traditioneller vietnamesischer Musik.








Vernetzungstreffen Geschichtskultur – Netzwerke, Wissenstransfer , Kooperationen
Am 13. und 14. März 2026 folgte in Hamburg das zweitägige Vernetzungstreffen »Geschichtskultur – Netzwerke, Wissenstransfer , Kooperationen«, an dem zahlreiche CPPD-Mitglieder als Referent*innen und Moderator*innen beteiligt waren.
Samuel Stern und Furkan Yüksel moderierten einen Workshop zu gemeinschaftlichen Erinnerungsformen und Dialogformaten zwischen verschiedenen Erinnerungsgemeinschaften – mit Fokus auf die Frage, wie Gesprächsräume gestaltet werden müssen, damit unterschiedliche Erfahrungen tatsächlich in Beziehung treten können, ohne dass eine Perspektive die andere dominiert.
Nicole Schweiß und Igor Mitchnik leiteten den Workshop »Erinnern an die Gegenwart – Wie gehen wir mit Gleichzeitigkeit um?«, der eine der zentralen Herausforderungen zeitgenössischer Erinnerungsarbeit adressierte: das Nebeneinander multipler , teilweise konkurrierender Erinnerungsansprüche in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. CPPD-Kurator Jo Frank sprach auf dem Panel »Performanz: Brauchen wir Rituale und wozu?« – eine Frage, die im Anschluss an die Gedenkzeremonie vom Festivaltag besondere Dringlichkeit gewann: Welche Funktion haben ritualisierte Erinnerungsformen, und wann werden sie zum Hindernis für lebendige Erinnerungspraxis? Ergänzend führten die DML-Kurator*innen T eilnehmer*innen durch die Ausstellung.



Ausblick
Die Festivalreihe »Voices Rising« wird am 24. und 25. April 2026 in der Biblioteca de Alcântara – José Dias Coelho in Lissabon fortgesetzt. Unter dem Titel »After the Carnations: Cycles of Decolonisation and Democratic Futures« wird dort das Dynamic Memory Lab »Cycles of Decolonisation« eröffnet, das sich mit europäischer Kolonialgeschichte und aktuellen dekolonialen Prozessen beschäftigt.
Fotos: Natalia Reich